Sie waren alle da

Das Merlefest 2008 ist rum, EWOB und Bühl stehen an. Oje, das alles in einem Atemzug – ungerecht. Denn wenn man sich die Fotos vom US-Festival ansieht, die der rüstige Rentner Ted Lehmann in seinem Blog präsentiert, wird einem ganz schwindlig. Nur große Namen. Und alle auf einem Festival. Naja, bietet Telluride auch. Egal, egal, jedenfalls machen die Fotos Lust aufs europäische Bluegrass-Spektakel ab morgen, 11 Uhr, in Voorthuizen. Ab Freitag bin ich dann auch da und werde hier berichten. Sollte ich allerdings in diesem Zusammenhang Fotos von Sam Bush und Sierra Hull veröffentlichen, dürft Ihr mich gern der Fälschung bezichtigen. Alles andere wird die pure Wahrheit sein.

Mein Vater war ein Beutelmann

An dieser Stelle werbe ich ja immer mal wieder gern für die Zeitschrift “Folker!”, sofern was Interessantes für Bluegrassfreunde dabei ist. Und im aktuellen Heft 3/08 gibt es davon eine Menge. Etwa den ausführlichen Artikel von Walter Fuchs über die “Infamous Stringdusters”, Michael Kleffs Beitrag zum Duo Plant/Krauss und das Porträt des Labels “Bear Family Records”, das ja nicht wenige verdienstvolle Editionen aus dem Genre Bluegrass im Katalog vorhält. Auch die Mundharmonika wird bisweilen in diesem Kontext eingesetzt und da liefert der Folker! einen ausführlichen Bericht aus der Harp-Werkstatt von C. A. Seydel Söhne in Klingenthal – Auftakt einer Reihe von Kay Reinhardt über die Instrumentenbauer im Vogtland. Im nächsten Heft stellt er die Gitarrenbauer Martin und Lederer vor (nein, nicht C. F. Martin). Und mich als alten Fan der Blödellieder von Schobert & Black interessiert natürlich auch der Artikel über Lothar Lechleiter alias Black; Schobert ist ja schon 1992 gestorben. Unvergessen ihr “Beutelgesang” mit der Auflistung berühmter Beutellieder, wozu natürlich auch gehörte: “Mein Vater war ein Beutelmann.”
Soweit unsere Presseschau für heute. Guten Abend.

Sierra und der Schlager

Erst war sie eher ne Zirkusnummer: kleines Mädchen mit Mando, schnelle Fingerchen und cool dazu. Jetzt erscheint am 6. Mai ihr Album “Secrets” und Rounder stellt vorab Hörproben online. Ihre Mitmusiker kommen aus der ersten Liga – die komplette Union Station ist an Bord, Tony Rice, Rob Ickes usw. usf. Sam Bush und Alison Krauss loben Sierra Hull ohne Ende. Ein Mini-Dokumentarfilm blickt auf ihr bewegtes 16-jähriges Leben zurück. Es gibt offenbar keinen Zweifel mehr: Sie ist “the next big thing” nach Chris Thile und alle sind gespannt, wie sie sich künstlerisch entwickeln wird in den nächsten Jahren. Zumal sie auch schön singen kann. Das klingt schon stark in Richtung Alison Krauss, zumal Ron Block von der Union Station auch Co-Produzent ist. Aber die Dame hat ja noch viel Zeit, ihre ureigene Stimme zu entwickeln, vokal wie instrumental. Erstmal verbeugen wir uns vor dieser geballten Ladung Talent. Obwohl natürlich “Everybody´s Somebodys Fool” schon Connie Francis berühmt gemacht hat, allerdings in der deutschen Fassung als: “Die Liebe ist ein seltsames Spiel”. Tja, so holt uns der Schlager über den Bluegrass wieder ein.

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Sprachfehler: Mahdollinen

Auf dem Rücklieferschein eines großen deutschen Musikhauses finden sich einige freigelassene Zeilen für die Fehlerbeschreibung. Und weil es sich um ein international operierendes Unternehmen handelt, wird das Wort “Fehlerbeschreibung” auf dem Schein in andere Sprachen übersetzt. Unter anderem auch ins Finnische. Und da heißt es: “Mahdollinen vikaselvitys”. Zum Donner, was denken sich die Finnen? Mahdollinen? Klingt 1. wie das von uns geschätzte Instrument und 2. wollen wir das im Zusammenhang mit “Fehlerbeschreibung” nicht lesen. Müssen wir uns nach dem Spott rund um die Gemüsehobel auf neue Fährnisse einstellen? Ich sag´s hier nur kurz, nicht dass es Euch unvorbereitet trifft.

Innereien zur EWOB-Woche

Jetzt, wo die EWOB-Woche anbricht, gehen die Gedanken zurück ans Festival 2007. An Konzerte, Typen, ans Hotel, an die Hemmungen, vor so vielen scheinbaren Könnern die Mando auszupacken und zu spielen. Wenn ich hier zu Hause sitze, scheint es mir völlig easy zu sein, mitzujammen. Aber, schluck, wenn man dann erstmal da steht und sich der Eindruck einbrennt, dass alle anderen viel besser sind als man selbst, dann sieht die Sache anders aus. Es wird ein Experiment zu erfahren, wie sich das Innenleben so gestaltet mit einem Jahr mehr Erfahrung am Instrument und dem Wissen, dass dort nicht nur Sam Bushs und Ricky Scaggs´ rumlaufen. Klar, ich weiß, dass es nicht darum geht, andere zu beeindrucken. Der Spaß am gemeinsamen Bluegrassen sollte im Mittelpunkt stehen. Doch auch wenn ich weiß, dass es kein Wettbewerb ist, tauchen dennoch dieselben Gedanken auf, die einen bis heute daran hindern können, vor Fremden ein Instrument zu spielen. Als ob es um was ginge! Dahinter steckt letztlich immer die Angst, insgeheim von anderen ausgelacht zu werden. Aber in Voorthuizen wird hauptsächlich deshalb gelacht, weil alle Spaß an der Musik haben. Wir werden es ja erleben. Einige optische Eindrücke vom vergangenen Jahr finden sich auf der Röhre – auch wenn die meisten Aufnahmen (siehe oben) vermuten lassen, dass dort kaum Besucher waren. Das täuscht dann doch. Achtet drauf: Vielleicht findet Ihr Bekannte, die durchs Bild laufen!

Von der Frage des Abklemmens

Wenn ich dann beim EWOB im Könner-Workshop sitze, stelle ich schlaue Fragen. Eine für die erlauchte Runde habe ich mir schon überlegt: “Which capo do you use for mandolin?” Haha! Wass´n Glück, dass mich hinter der Uke keiner sieht (s. u.). Aber im Ernst: Meistens verlaufen Diskussionen zwischen Mandolinista ruhig. Doch wenn jemand davon anfängt, ob man an der Mando mit Kaponoster, nee, Paterdaster, ääääh, Kapodaster fummeln darf, wird´s emotional. Der häufigste Vorwurf ist der, dass man zu faul ist, in verschiedenen Tonarten spielen zu lernen. Andere rufen Betrug, wenn sie erfahren müssen, dass jemand seine Mando kapodiert hat, während sie wochenlang verzweifelt versucht hatten, den Sound der betreffenden Aufnahme nachzustellen. Wieder andere kommen mit ihren dicken Fingern und behaupten, wenn sie jetzt noch einen Kapo anschnallten, würden die Bünde ja noch enger und die Mando für sie unspielbar.

Mancher sieht es aber auch völlig pragmatisch und benutzt einen Kapo, wenn es der Sache dient. Also der Musik. Und was tun, wenn man gerade ein tolles Lick in B gelernt hat und das genauso in einer anderen Tonart spielen will? Bei mindestens einem Stück der “Transatlantic Sessions” (“Brother Wind”) benutzt Darrell Scott einen Kapo, und der Mann gehört ja nicht zu den schlechtesten Mandospielern des Planeten (oder spielt der da Mandola?). Ich persönlich besitze keinen Kapo für die Mandoline, was aber nicht heißt, dass ich sowas aus weltanschaulichen Gründen ablehne. Vielleicht macht es ja Spaß, damit zu experimentieren und zu gucken, wie das Instrument reagiert. Vielleicht entwickelt es Sounds, die vorher niemals zu hören waren?

Vielleicht aber ist der wirkliche Grund, warum viele einen Kapo ablehnen, der Tatsache geschuldet, dass es oft Banjo-Kapos sind, die auch für Mando funktionieren. Da hätten wir mal was Gemeinsames mit unserern twängenden Freunden, müssten nicht ihr Jammern über Metalllegierungen und Tonringmaläsen anhören, sondern könnten im Chor die Technik verschiedener Kapos erörtern, und dann das. Ein gemeinsamer Kapo, den sich Mando- und Banjospieler teilen – wäre das nicht ein herrlicher Beitrag zur musikalischen Völkerverständigung?