Soli, die nach Bluegrass klingen #1

Bestseller haben schöne Namen: Der Medicus zum Beispiel oder Die Wanderhure oder Das Tempelheinzchen. Wie auch immer. Es wundert jedenfalls nicht, dass ein Buch mit dem Titel The Mandolin Picker´s Guide To Bluegrass Improvisation auf der Spiegel-Bestsellerliste völlig fehlt. Bis jetzt! Denn ab heute stellen wir dieses nützliche Buch vor – im Rahmen eines Interviews mit dessen Autor: dem deutschland- wenn nicht gar europaweit profilierten Mandolinisten Jesper Rübner-Petersen. Geboren wurde er 1969 im dänischen Aarhus und wuchs mit Bluegrass und akustischer Musik auf. Seit 2000 lebt er in Süddeutschland, lehrt Gitarre und Mandoline und musiziert genreübergreifend: Bluegrass, Jazz, Rockabilly – alles seins. Im Frühling erschien bei Mel Bay sein Improvisationsbuch, um das es im dreiteiligen Interview geht. Heute also: Teil 1.

Lieber Jesper Rübner-Petersen, wie kam´s überhaupt zu der Idee, ein Buch über Improvisation auf der Mandoline zu schreiben, noch dazu spezialisiert auf Bluegrass?

JRP: Ich habe mich in meiner musikalischen Laufbahn von Anfang an für das Thema Improvisation interessiert. Als Jugendlicher war ich fasziniert von den Musikern, die bei einem Bluegrass-Jam oder auf der Bühne ein improvisiertes Solo abliefern konnten. Auf Nachfrage bei den Künstlern gab es aber oft keine befriedigende Antwort und die A-Blues-Tonleiter, die mein damaliger Gitarrenlehrer mir gezeigt hatte, klang auch nicht wie Bluegrass. Erst als ich entdeckte, dass ich den „Lester-Flatt-G-Run“ auf die verschiedenen Akkorde transponieren und damit mein erstes „improvisierte Solo“ spielen konnte, kam ich langsam auf den richtigen Weg. Mein Interesse an Jazz und das Studieren von Theorie-Büchern haben mir auch beim Analysieren von improvisierten Bluegrass-Soli geholfen. Weil ich mit Bluegrass aufgewachsen bin und weil es auf dem Markt keine derartig umfangreichen Bücher über Mandolinen-Improvisation gab, war es für mich nahe liegend, das Buch zu schreiben, das ich selber damals als Improvisations-Anfänger vermisst habe.

An wen richtet sich das Buch in erster Linie?

JRP: Ich glaube, dass jeder Mandolinen-Spieler irgendetwas aus dem Buch erfahren kann. Der Guide ist eigentlich so aufgebaut, dass man Schritt für Schritt das Improvisieren lernt. Aber man kann auch anders an das Buch herangehen. Fortgeschrittene Musiker werden sich eher Themen herauspicken, die sie interessieren und damit weiterarbeiten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele von den im Buch vorgestellten Techniken dazu benutzt werden können, um eigene Soli zu komponieren, die dann wie improvisiert klingen. So wird mit Sicherheit jeder „seine Kapitel“ finden.

Welche Fehler werden denn beim Improvisieren auf der Mando häufig begangen? Wo liegen die Fallstricke?

JRP: Beim Bluegrass ist es kaum möglich, ein Solo zu improvisieren, bei dem nur eine Tonleiter benutzt wird, wie man es vielleicht von Blues und Rock kennt. Viele Neulinge im Bluegrass wissen nicht, dass man beim Improvisieren im Prinzip auch bei jedem Akkord-Wechsel einen Tonleiter-Wechsel vollziehen sollte. Dass man innerhalb eines Liedes oft Tonleiter-Wechsel machen muss, klingt vielleicht kompliziert, aber so schwierig ist es auch nicht. Den größten Fehler, den man machen kann, wenn man das Improvisieren lernen will, ist, nicht dabeizubleiben.

Bluegrass im alten Europa

Im Rahmen der zurzeit laufenden World Of Bluegrass der IBMA finden jede Menge Workshops statt und Vorträge und Diskussionsveranstaltungen – zu Themen wie: Wie schreibe ich einen Bluegrass Song? Wie bekomme ich mehr Zeit zum Üben? Ein Seminar trug den Titel: Promoting Bluegrass: That’s How We Do It In Europe. Auf dem Podium saßen Rainer Zellner und Hansjörg Malonek, die von ihrer Tätigkeit in Deutschland, Österreich und Holland erzählten. Der Bluegrass Blog berichtete darüber. Wir kennen ja die Probleme, Bluegrass in Deutschland populär zu machen, ohne dabei mit Cowboyhut und Colt zu wedeln. Aber lassen sich diese Schwierigkeiten hierzulande auf ganz Europa beziehen, wie es der Seminartitel vorgibt? Da haben sich die Veranstalter der IBMA keinen Gefallen getan.

Denn während tendenziell Bluegrass in Westeuropa eher den Eindruck einer Musik für ältere Männer mit Bart erweckt, blüht in Osteuropa eine quietschfidele junge Gemeinde – man schaue nur mal nach Tschechien. Insofern wäre es bestimmt interessant gewesen, auch einen Vertreter aus diesem Land auf dem Podium sitzen und reden zu haben. Aber was soll´s: Es war ja anscheinend sowieso kaum einer im Raum, schenkt man dem Bericht Glauben. Der Amerikaner hat eben was anderes zu tun, als sich über die Verbreitung von Bluegrass im Ausland zu sorgen.

Alle sind drüben

Wir sind offensichtlich gerade allein. In Europa. Also allein in dem Sinne, dass sämtliche europäischen Bluegrasser von Rang derzeit in Nashville weilen, wo die International Bluegrass Music Association ihre World Of Bluegrass veranstaltet. Musiker, Promoter, Veranstalter, Touristen: alle weg. Auf Facebook ist zu erfahren, was sie dort treiben. Martino Coppo verabredet sich mit Rainer Zellner, x geht mit y ein Bier trinken und Hannah Georgia Johnson, Sängerin der englischen Toy Hearts, hat ihren Wohnsitz sogar in Nashville geändert! Und Donnerstag laufen sie dann alle ins historische Ryman Auditorium, um die Vergabe der diesjährigen Bluegrass Music Awards zu verfolgen. Mit welchem Ergebnis? Um nächste Woche alle wieder hier in Europa aufzuschlagen, mit einem Riesen-Kater in den Knochen und vor Chops und Licks und Lyrics knatternden Ohren! Neid, ach bewahre! Andererseits, wenn denn endlich mal das Beamen erfunden würde …

Meister aller Klassen

Sport und Musik hieß es früher im Radio des WDR. In dieser Sendung liefen Sport und Musik allerdings noch getrennt voneinander. Bei den zahlreichen Competitions auf Bluegrassfestivals in den USA aber ist die Fusion gelungen: In Wettbewerben messen sich junge Instrumentalisten in ihrer Kunst. Und frecherweise gibt es darunter Teilnehmer, die nicht nur auf einem Instrument Virtuosen sind, sondern gleich in mehreren Auszeichnungen einheimsen. Zu dieser Sorte Wundermann gehört der 19-jährige Bryan McDowell aus Canton, North Carolina. Kürzlich hat er in Winfield, Kansas, den Mando-Contest gewonnen, aber er kann es genauso auf der Gitarre und, ach ja, die Fiddle gibt es ja auch noch! Wo unsereins sich bemüht, zumindest an einem Gerät Leistung zu bringen, treten andere im musikalischen Zehnkampf an. Das ist natürlich nicht schlimm, weil es ja meistens Spaß macht, solchen Musiker zuzuhören. Und bei Bryan McDowell geht´s offensichtlich nicht nur um Tempo, sondern tatsächlich um Musikalität – ob Bluegrass, ob Jazz. Man kann ihn nur beglückwünschen.


Bryan McDowell auf Collings – auf der Zielgeraden in Winfield.

Leo, Marianne und Mando

Es ist fast nicht zu glauben, aber auch wir werden ja nicht jünger: Gestern feierte Leonard Cohen seinen 76. Geburtstag. Jetzt sind wir zwar einen Tag zu spät dran, aber eine Würdigung muss doch sein: Am 31. Oktober 1979 spielte er ein Spezial-Konzert fürs ZDF – und dabei war auch eine Mandoline, gespielt von John Bilezikjian. Aber seht und hört selbst.

Auch Atheisten brauchen Lieder

Es stimmt schon: Gläubige Menschen haben mehr Spaß mit Bluegrass! Weil es eine Menge schöner Songs aus dem Bereich Gospel-Bluegrass gibt. Der Ungläubige darf die zwar spielen, muss sich aber überlegen, wie er das inhaltlich rechtfertigen kann. Glücklicherweise hat auch Steve Martin die missliche Lage erkannt und gemeinsam mit seiner Band, den Steep Canyon Rangers, eine Hymne für die Atheisten gesungen. Allerdings: Wer hier gut Englisch kann, ist klar im Vorteil.

Der Bill und seine Liebchen

Die Hüter der Tradition zittern wie Espenlaub: Hollywood will einen Film über Bill Monroe drehen, genauer gesagt über Monroes Beziehung zu Bessie Lee Mauldin. Die war offenbar seine langjährige Geliebte, jedenfalls wenn man den Darstellungen in dem Buch Can´t You Hear me Callin’ des Autors Richard D. Smith glauben darf. Diese unmoralische Liebesgeschichte scheint aber ein rotes Tuch für Monroe-Verehrer zu sein. So hält Campbell Mercer, der Geschäftsführer der Jerusalem Ridge Foundation,  der Monroes Elternhaus gehört, nichts von dem Buch: “Das Buch musste geschrieben werden, aber es wurde vom falschen Typen geschrieben”, murrt Mercer. Und jetzt soll es auch noch als Filmvorlage dienen!

Mercer würde ein Film über die Musik Bill Monroes gefallen, aber nicht über dessen Seitensprünge, berichtet die Zeitung California Chronicle. Dabei weiß doch jeder, dass man das eine vom anderen nicht trennen darf. Leben und Musik gehen bei Künstlern eine wechselseitige Beziehung ein – im Grunde eine Binsenweisheit. Der Verdacht liegt nahe, dass da einige Bill Monroe als Saubermann konservieren möchten. Mal gespannt, was aus dem Filmprojekt wird. Übers Buch Smiths darf schon längst diskutiert werden.