Kinder und Bluegrass

Wir wollen unseren belgischen Nachbarn keinesfalls etwas Böses nachsagen. Aber der Fall Marc Dutroux liegt doch noch nicht so lange zurück, dass wir ihn vergessen hätten. Und jetzt das! Uns ist Bildmaterial zugespielt worden, in dem unschuldigen belgischen Kindern Bluegrassinstrumente in die Hand gedrückt worden sind. Zudem scheinen sie noch unter Drogen gesetzt worden zu sein. Wie anders ließe sich das erklären, was diese erschreckenden Aufnahmen uns vor Augen führen? Die Urheber sollen aber bereits bekannt sein. Aus gut unterrichteten Kreiseln verlautet, die Band Rawhide stecke dahinter. Moment, es klingelt gerade: Ach, guten Tag, Herr Staatsanwalt! Wie, ich soll verbotene Filme angeschaut haben? Wann? Gerade? Aber da muss es sich um ein Missverständnis handel ………………

Die Russen kamen


Der Name mag sich ja an die Sex Pistols anlehnen. Die Musik des russischen Trios Grass Pistols klingt allerdings nur passagenweise nach Punk. Sie hätten sich auch Progressive Grass oder so nennen können – angesichts der zahlreichen Tempowechsel und psychedelischen Einschübe, nach dem Motto: Jetzt machen wir Bluegrass mal so richtig kompliziert. Trotz einiger Einschränkungen schüttelten die Russen das Publikum auf dem gestern zuende gegangenen GrevenGrass-Festival mächtig durch. Wüstes Zeug, in sowas wie Phantasie-Englisch vorgetragen, wild und was zum Aufregen für die Traditionalisten. Der Rest dürfte sich gefreut haben, mal ganz anderen Stoff geboten zu bekommen. Und zweifelsohne gehörte Tatiana Pechenova zu den auffälligsten Mandolinenspielern des Festivals. Studiert hat sie das Folkloreinstrument Domra am Konservatorium in Nischni Nowgorod. Vor allem war die Dame schnell und funky. Jetzt sollten die drei noch ihr Englisch verbessern oder gleich Russisch singen, dann können sie auch woanders die Gemüter erregen. Oder sie vertreten Russland beim nächsten ESC.

Stimmung auf dem Highway

Manchmal reichen ein paar hübsche Ideen aus, um damit ein Video von ungefähr vier Minuten Länge bestreiten zu können. Das zeigen jedenfalls Bearfoot in ihrem Filmchen zum Song Midnight in Montana. Ja, bei derart leeren Highways fällt das Witzchen machen leicht. Denen wird das Feixen noch vergehen, wenn sie in diesem Dezember quer durch Deutschland reisen, auf verstopften Straßen voller Glatteis und Schnee: beim diesjährigen Bluegrass Jamboree. Aber die Verkehrslage ist bekanntlich nicht alles. Da gibt es noch das Stimmungsbarometer im Tourbus, das mit Hilfe von Glühwein rasant steigen wird. Und weil sie überall so furchtbar viel Applaus bekommen werden, die Musiker des Jamboree. So viel ist sicher. Angenehme Pfingsten! Und morgen/übermorgen an GrevenGrass denken.

Musikalische Erdkunde

Das Jahr 2012 wird für die deutsche Bluegrass-Band Covered Grass eines mit vielen Höhepunkten – vor allem, weil viele Auftritte über das heimische Rheinland hinaus auf dem Plan stehen. Da ist an erster Stelle ihr Konzert auf der Hauptbühne der World of Bluegrass Ende September in Nashville zu nennen. Seit zwölf Jahren hat dort keine deutsche Band mehr gestanden, jetzt wurde Covered Grass zum Showcase der International Bluegrass Music Association eingeladen. Das muss so ähnlich sein wie für Deutschland beim Eurovision Song Contest anzutreten. Zuvor geht es Ende August ins nordirische Omagh zum dortigen Bluegrass-Festival. Außerdem steht noch das Musikfest Folk im Schlosshof in Bad Rappenau bei Heilbronn auf dem Programm – Ende Juni.

Bereits an diesem Wochenende wird die Band Samstag wie Sonntag beim GrevenGrass-Festival Open Air auftreten – was angesichts des Festival-Line-ups und des Wetterberichts ein schönes Ereignis zu werden verspricht. Tja, und beim diesjährigen EWOB-Festival im niederländischen Voorthuizen hat Covered Grass sich ebenfalls zum ersten Mal auf die Bühne gewagt: nachdem in den Vorjahren immer wieder Nachfragen an die Band gestellt wurden, warum sie denn nur draußen jammt und nicht drinnen auf der Bühne schwitzt. Es ist also ein Jahr der Premieren: EWOB, Greven, Omagh, Bad Rappenau und Nashville. Musikalische Erdkunde sozusagen.


Covered Grass vor knapp einer Woche auf der Bühne in Voorthuizen

Wenn sich alle kennen

Wenn eine Snare auf der Bühne steht und Ukulele gespielt wird, was könnte das für eine Musikrichtung sein? Marschmusik aus Hawaii? Auf der Bühne des diesjährigen EWOB-Festivals im niederländischen Voorthuizen präsentierten sich mit diesem Line-up die Vorjahressieger des Wettbewerbs: Lucky Lips aus Norwegen. Zur Beruhigung sei gesagt, dass Even Reinsfeld Krogh die meiste Zeit über Banjo gespielt hat, oder, je nach Perspektive – zur Beunruhigung sei es gesagt. Nun wollen wir aber nicht über das Banjo richten, sondern uns nachträglich über die Musik der Glücklichen Lippen erfreuen, die dem Festivalprogramm erneut Frische eingehaucht haben. Sie bewegen sich zwischen Bluegrass, Country und Folk mit raffiniert arrangierten, zumeist eigenen Songs.

Gitarrist Stian Jørgen Sveen erzählte dem Publikum, dass er mit einer der Damen von Katzenjammer liiert ist – Anne Marit Bergheim, die häufig Mandoline spielt, etwa die in Rock, Paper, Scissors. Darüber, dass sie viel berühmter ist als er, hat er einen sehr langsamen Country-Song geschrieben, der einen wunderbar leidenden Gesang ermöglicht. Sveen kennt die Frau aus der Musikschule in Oslo, wo auch die anderen Mädels von Katzenjammer in Kontakt kamen. Und da Stian Jørgen in einem großen Musikaliengeschäft in der norwegischen Hauptstadt sein Geld verdient, kennt er auch Marit Larsen, die dort ihre Gitarren kauft. Es scheint, die norwegische Welt ist klein. Aber Sveen berichtet von einer lebendigen Akustik-Szene – Hoffnung für uns, von dort künftig noch weitere interessante Musik geboten zu bekommen.


Malin Pettersen und Stian Jørgen Sveen von Lucky Lips

EWOB 2012: viel guter Wille

Das European World of Bluegrass-Festival 2012 ist vorüber, die Gewinner der beiden Awards stehen fest: Beim Publikumspreis machten G-Runs ´n Roses aus Tschechien das Rennen. Platz zwei belegte Sunny Side, ebenfalls aus Tschechien, Platz drei The Old Time Hayride, ein deutsch-niederländisches Duoprojekt von Simon Rick und Erwin van de Ven. Auch der Titel #1 European Bluegrass Band geht in die Czech Republic: 2013 wird Goodwill die europäische Fahne bei der IBMA-World of Bluegrass hochhalten – dann allerdings nicht mehr in Nashville; das Fest zieht nächstes Jahr um nach Raleigh, North Carolina. Platz zwei in diesem Ranking belegt East-West, ein neues Projekt von Ondra Kozak, in dem er Mandoline spielt. Die Band kommt aus? Na? Tschechien. Den dritten Platz teilen sich drei Bands: Rawhide (Belgien), Jaywalkers (England) und Sunny Side. Soweit die aktuellen Meldungen. Und damit zurück ins Studio.


Platz drei beim Publikum: The Old Time Hayride.

Jammen bis zum Morgenrot

Bevor hier bald ein paar Bildchen vom EWOB-Festival in Holland auftauchen, zunächst noch einmal der Blick zurück auf die dritte Bluegrass Night Berkenroth – auf die Bilder klicken, und sie werden groß. Bemerkenswert die Fröhlichkeit des Herrn Frank und die offensichtliche Entschlossenheit des Bluegrass-Nachwuchses, demnächst selbst die Bühne zu entern.

Feierwut in Berkenroth

Dass Ashby Frank ein fantastischer Mandolinenspieler ist, wissen wir längst. Dass er aber auch innige Beziehungen zu den Kopfkissen dieser Welt unterhält, haben wir spätestens heute morgen erfahren. Schließlich war er das einzige Mitglied der Alecia Nugent Band, das nicht zum Frühstück erschienen ist. Es mag daran gelegen haben, dass er sich gestern abend bei der dritten Bluegrass Night Berkenroth völlig verausgabt hat – wovon das schlechte Video-Still unten leicht unscharf, aber doch beredt Zeugnis ablegt: Er ging beim Jammen nach Konzertende mit der Stimme ganz nach oben, um sich dann anschließend (deutlich zu erkennen) an den Kehlkopf zu fassen. Ja, Kehlkopfgymnastik ist anstrengend. Er musste einfach länger schlafen als die anderen. Alkohol hat damit sicher nichts zu tun, schließlich war Bandkollege und Gitarrist Thomas Wywrot (im Bild rechts) heute morgen am Start, obwohl er gestern mit einem Typen namens Jim Beam gesehen worden ist.

Im Übrigen muss man überhaupt kein Übertreiber sein, um das Festival treffend zusammenzufassen: erstklassige Bands, breites Repertoire, famose Stimmung im Saal und danach bei der Session im Künstlerraum. Die belgischen Freunde von Rawhide mochten gar kein Ende finden – dabei stehen sie doch heute abend beim EWOB-Festival in den Niederlanden wieder auf der Bühne. Gerade deswegen stimmen wir mit ihnen ein: Berkenroth, Berkenroth, wir jammen bis zum Morgenrot!

Mando im OP

Jedesmal bin ich hin- und hergerissen, wenn ich sowas sehe: Einerseits bewundere ich die Handwerkskunst, die Sorgfalt, die Liebe zum Detail beim Herstellen eines Musikinstruments. Andererseits fühle ich mich aber manchmal, als wäre ich beim Zahnarzt und müsste mir selbst dabei zusehen, wie an meinem Zahn herumgebohrt wird. Dabei würde ohne eine entschlossene Hand niemals eine Mandoline entstehen. Alles ist also gut. Und ich rede mir ein, dass die Mandos vor solchen Prozeduren zumindest örtliche Betäubung erhalten. Dr. Henderson, bitte zum OP!

Kein Hoot, nur Mando

Das freut uns ja dann doch: Auf der Deluxe-Edition zum 30. Geburtstag der Band The Hooters erscheint auf dem CD-Cover kein Foto einer Hohner-Melodica. Nein, sonden eine Mandoline prangt prominent ganz oben. Und das, obwohl sich der Bandname bekanntlich ursprünglich von dem Hoot-Hoot-Geräusch der Melodica hergeleitet hat, das ja bei den Hooters auch häufig zu hören war. Die Mandoline hat natürlich ebenso den Sound geprägt und vielen Riffs ihren Stempel aufgedrückt. Na gut, gerecht wäre gewesen, wenn beide Instrumente auf dem Cover ihren Platz gefunden hätten. Aber das schönere hat nunmal gewonnen.


Als ob´s ne Bluegrass-Band wäre: Mando als Signet!

Ein Fest nach dem nächsten

Es war am Wochenende tatsächlich bereits das zehnte Mal fürs Bluegrass-Festival in Bühl – obwohl nicht wenige wahrscheinlich sagen würden: Erst zehn? Weil sich viele kaum vorstellen können, dass es dieses Konzertereignis einmal nicht gegeben hat. So viele Hochkaräter aus dem Genre hat kein anderes Festival in Deutschland zu bieten – und falls doch, bitte vortreten! Eine Rückschau wird es sicher in Kürze auf der Website geben. Der Mai hält darüber hinaus eine Menge Stoff bereit, ein Fest reiht sich ans nächste. So steigt am Mittwoch, dem 16. Mai, zum dritten Mal die Internationale Bluegrass Night in Berkenroth, Gemeinde Nümbrecht, südliches Bergisches Land. Stargast diesmal: Alecia Nugent, die ja auch in Bühl das Programm zierte. Zu ihrer Band zählt auch Mandolinenfreund Ashby Frank, der vor einigen Jahren schonmal mit Special Consensus hierzulande unterwegs war. Außerdem kommt die belgische Formation Rawhide zum wohl dörflichsten Festival des Landes und wird ihre spaßige Mischung präsentieren. Als Lokalmatadore sind zudem Covered Grass am Start, bei denen auch die künstlerische Leitung liegt.

Kaum sind dann die letzten Töne in Berkenroth verklungen, geht´s Donnerstag im niederländischen Voorthuizen beim jährlichen EWOB-Festival weiter. Und eine Woche darauf laden Matthias Malcher und Konsorten wieder ins münsterländische Greven zu Grevengrass ein. Dort gibt´s unter anderem ein Wiedersehen mit den Damen von Oh My Darling, die derzeit genauso auf Deutschlandtour sind wie Alecia Nugent. So wähle jeder aus nach seiner Plaisir.


Da lässt die Chefin mal dem Angestellten Ashby den Vortritt.

Oh Neil, oh Susannah

Im Juni wird ein neues Album von Neil Young & Crazy Horse erscheinen, Americana mit Namen. Die Tracklist liest sich eher unspektakulär, beinah öde, Lieder, die man schon tausendmal gehört hat: This Land Is Your Land, Wayfarin´ Stranger und Tom Dooley gehören dazu. Allerdings liegt jetzt das erste Video vor – Oh Susannah. Und die Interpretation der Altmeister hat nicht mehr viel mit dem allseits bekannten Liedchen zu tun, vom Text mal abgesehen. Dort liegt jedoch kein BANJO auf den Knien, sondern ein B-A-N-J-O, also ein buchstabiertes Banjo. Neil Young und Mitmusiker haben sich anscheinend alle Freiheiten genommen. Das lässt darauf schließen, dass auch die übrigen Klassiker kaum wiederzuerkennen sein werden. Trotzdem klingt Oh Susannah nach einem geschickt arrangierten Stück mit Ohrwurm-Potenzial. Lassen wir uns mal vom Gesamtwerk überraschen. Einen Vorbericht gibt´s hier.

 

John Peels Plattenschachtel

Als der legendäre BBC-Discjockey John Peel 2004 starb, hinterließ er Zehntausende LPs und CDs – jede Menge Regalmeter. Aber in seinem Nachlass fand sich auch eine Schachtel mit lediglich 100 Vinyl-Singles, oft obskures Zeug, an dem ihm aber viel gelegen haben muss: Warum sollte er es sonst in diese exklusive Box sortiert haben? Man kann ihn nicht mehr fragen. Vielleicht hat er die Singles auch aussortiert, um sie am nächsten Tag zum Restmüll zu geben – der liebe Gott ließ ihn nur nicht mehr. Wie auch immer: Die Box hat Anlass zu einem Dokumentarfilm gegeben, wo sich Musikgrößen über John Peel und die Musik aus der Singles-Schachtel äußern. Hier unten steht der erste Teil, die weiteren sind hier zu finden. Und wo liegt der Mandolinen-Bezug? Gut, wer unbedingt einen braucht: In der Box steckte auch Dead Leaves And The Dirty Ground von den White Stripes – und das hat ja bekanntlich Chris Thile auf How To Grow A Woman From The Ground gecovert. Außerdem scheint John Peel in einem Filmausschnitt mit den Small Faces zu Rod Stewarts Maggie May ein Mandolinenposing zu versuchen. Zufrieden?