Longplay-Lieblinge

Lieblinge sind etwas sehr Persönliches. Und wenn es um Musik geht, wird es möglicherweise noch subjektiver. Hier folgt eine Liste einiger LPs (resp. CDs), die mich durch all den Wust an Musik schon seit Jahren begleiten und mit auf die berüchtigte Insel kämen, wenn ich denn wählen müsste. Das ist keine Rangliste, die Reihenfolge der Nennung stellt also keine Wertung dar.

Es wäre einfach, hier pop-/rockhistorisch bedeutsame Produktionen aufzuführen, die einen als ausgewiesenen Kenner erscheinen lassen. Aber Musik bekommt ihre Wichtigkeit ja nicht (nur) durch objektive Qualität, sondern ebenso durch die Lebensumstände, in denen sie einem begegnet. In diesem Zusammenhang kann auch Belangloses große Bedeutung entwickeln.

Und auch wenn´s im Blog vor allem um akustische Musik, vorzugsweise mit Mandoline, geht: Hier spielt das alles keine Rolle.

heavy-horses.jpg Jethro Tull Heavy Horses (1978)

Gekostet hat sie 6 Mark 90, und in eine Ecke des Covers war ein Loch gestanzt. Reduzierte Ware. Moths war drauf, die Single-Auskopplung. Ich hab die LP gekauft und erstmal ins Regal gestellt. Bis ich das Album zum ersten Mal gehört habe, muss eine Weile vergangen sein. Dann aber war ihre Zeit für mich gekommen, schätzungsweise im Herbst 1980. Von da an lief die Platte eine Phase lang täglich. Bis heute mag ich ihren sehr folkigen Charakter, den sie mit ihrem Vorgänger Songs From The Wood gemein hat. Womöglich stände der jetzt an dieser Stelle, wäre nicht damals Heavy Horses im Angebot gewesen. Die gehört zu jenen, die sich tief eingebrannt haben. Lediglich No Lullaby überspringe ich auch heute noch gern beim Hören. Im Übrigen träume ich mich aber weg ins gute alte ländliche Schottland, wo Wetterhähne, Mäuse und Motten Hauptrollen spielen.

goodbyejumbo.jpg World Party Goodbye Jumbo (1990)

Karl Wallinger war neben Mike Scott Kopf der schottischen Waterboys. Dieses Album hat er fast im Alleingang aufgenommen. Es steckt voller Popmusik-Perlen, die bekanntesten sicher Message in a box und Way Down Now. Ich war auch hier nicht auf der Höhe der Zeit, sondern bin erst drei Jahre nach der Veröffentlichung drauf gestoßen. Goodbye Jumbo gehört zu den seltenen Platten, die ich durchhören kann, ohne mich zu langweilen. Weil sie ein musikalisches Spektrum von stillen Balladen bis zu groovenden Nummern abgedeckt. Was soll ich tun außer schwärmen?

commonone.jpg Van Morrison Common One (1980)

Völlig vergeistigt, der Typ. War das schon in seiner Phase, in der er L. Ron Hubbard lobpries? Wie auch immer: Von Van Morrison könnte man viele LPs hervorheben, etwa Astral Weeks oder Into The Music. Mir liegt dieses stille Meisterstück hier am nächsten. Obwohl ich mir die Viertelstunde von When Heart Is Open meistens spare. Dafür begegnet mir Summertime In England immer neu, die andere Viertelstunde des Albums, diese Meditation mit ihren Höhen und Tiefen, den allmählichen Veränderungen, bis sie verebbt mit den Worten: Can you feel the silence? Können wir. Common One strahlt eine heimelige Wärme aus, Papa Morrison kümmert sich um uns. Und Satisfied bietet diesen wunderbaren Dialog zwischen Saxophon und Trompete, zwischen Pee Wee Ellis und Mark Isham. Warme Drücker.

beautifulfreak.jpg Eels Beautiful Freak (1996)

Mark Oliver Everett ist Eels, wie Karl Wallinger World Party war. Und wie er hat er dieses Gespür für Melodien oder wenigstens Melodiesprengsel, die so schnell Platz im Kopf finden und dort nicht mehr weggehen. Merkwürdige Samples, Spieluhr-artige Klänge, fette Grooves, absurde Texte, Lo-Fi – irgendwie macht das den Eindruck einer Bastelkiste. Trotzdem sind das komplette Songs und keine Fragmente. In diesem Stil hat Everett weitergemacht. Aber bei zu häufigem Hören nervt mich seine Stimme. Bei Beautiful Freak spielt das keine Rolle. Die höre ich, als wenn´s das erste Mal wäre, dieser Stimme zu lauschen. So lauscht auch Ihr!

specials.jpg Specials Specials (1979)

Enjoy Yourself! rufen sie uns auf ihrer zweiten LP More Specials zu. Diesen Appell bedurfte es bei dem Debüt der Specials nicht. Den Spaß hatten wir auch so, gleich mit dem ersten Stück A Message To You Rudy, und das setzte sich bis ans Ende von Seite 2 mit Gangsters fort. Elvis Costello hat diese wichtigste Veröffentlichung des englischen Ska-Revivals der späten Siebziger produziert und sie klingt heute noch so jung wie damals – zumindest für meine Ohren. Die meisten Songs erreichen nicht mal eine Länge von 3 Minuten, vieles ist so schnell vorbei, wie es im eilenden Off-Beat gekommen war. Vielleicht sind die Specials ja Schuld, dass ich Mando spiele? Immer schön im Off-Beat bleiben – das kennen wir doch! Nun damals, 1980, waren wir alle noch jung und konnten zu dieser LP auf und ab hüpfen wie die Verrückten. Das geht heute auf Dauer nicht mehr gut. Aber innerlich springe ich immer noch wild in der Gegend rum bei diesen heißen Rhythmen, wie es immer so schön in der Zeitung heißt.

stanleyroad.jpg Paul Weller Stanley Road (1995)

Die Stimme von The Jam. Die fand ich ziemlich weit vorn: ob That´s Entertainment oder Goin´ Underground. Der Mann hinter The Style Council. Mit denen konnte ich nicht so viel anfangen: weiße Anzüge, 80er-Jahre, Salon-Soul. Aber die Stimme war natürlich immer ein seltenes Organ. Doch wo war Paul Weller geblieben? Mitte der 90er tauchte er wieder in mein Blickfeld ein, mit diesem Album. Da sind zum einen jene Schmachtfetzen drauf wie You Do Something To Me und Time Passes …, die unwiderstehlichen Balladen. Aber eben auch diese saugroovigen Nummern wie Dr. Johns I Walk On Gilded Splinters oder Woodcutter´s Son. Und die schönen Pop-Nummern der Marke Broken Stones und Pink On White Walls. Ich könnte sie alle nennen, kein wirklicher Ausfall. Nur eine Marotte nervt mich bei Mr. Weller: Warum muss er ruhigen Nummern, die im Grunde schon zu Ende sind, noch eine kleine Lärmorgie mit auf den Nachhauseweg geben? Eines Tages, da schneid ich die Enden einfach ab und brenn mir meine Remix-Version.

The Clash London Calling (1979)

Paul Simonon zertrümmert seinen Bass auf der Bühne des Palladium in New York: das Coverfoto. Die Typografie lehnt sich an das Debütalbum von Elvis Presley an. Was auf der Hülle so wild daherkommt, gibt nicht den Inhalt wieder. Das sind nicht die rauhen dreiminütigen Punknummern, sondern vielfältige Songs unterschiedlicher Stilistik. Außer ihren Punkwurzeln zeigt London Calling, aus welchen Musikvorlieben The Clash hier schöpften: Rockabilly, Reggae, Ska, Jazz. Allgemein bekannt ist das Titelstück, inspiriert auch vom Atom-Gau 1979 in Three Mile Island bei Harrisburg/USA. Meine liebste Seite der vier möglichen des Doppelalbums ist die Nr. 3, beginnend mit dem fröhlichen Wrong ´Em Boyo und gefolgt vom kraftvollen Death Or Glory, wo Joe Strummer sein Leben an sich vorbeiziehen lässt. Vielleicht mag ich aber auch LP 2, Seite 2 am liebsten, die mit Train In Vain endet – fast schon eine Popnummer. Kann mich grad nicht entscheiden. Auf jeden Fall klingen die Songs für meine Ohren so frisch, als wären sie grad erst aufgenommen worden. Die Reaktionen damals waren unterschiedlich: Viele Fans warfen The Clash Verrat an der Punk-Sache vor, viele Kritiker waren begeistert und feierten die Veröffentlichung als Weißes Album der Band. Für mich eine Platte mit Musik als Energielieferant.

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