Öfter mal was Seichtes

Normalerweise geben sich Kerle unseres Schlags gern anspruchsvoll. Schnödes Hitparadengedudel lehnen wir ab. Wir zählen uns zur individualistischen Fraktion, zur progressiven Abteilung. Mit dem musikalischen Mainstream haben wir nichts zu schaffen. Bluegrass ist in Deutschland sowieso kein Mainstream, wird nie Mainstream sein. Wir verschließen unsere Herzen vor dem Seichten, obwohl die Herzen selbst gern mal ein bisschen darin waten würden. Es gehört deswegen selbst heute immer noch Mut dazu zuzugeben, auf was man als Kind und Jugendlicher mehr oder weniger heimlich stand. (Jedenfalls mehr Mut, als Tom Cruise brauchte, um Stauffenberg zu spielen.) Niemand wollte sich blamieren. Als ich anfing, mich für Popmusik zu interessieren, waren „Sweet“ meine Lieblingsgruppe. Damit war ich wahrlich nicht alleine. Damals, Anfang der 70er, für echte Rocker reines Teeniegedudel, wie auch im Grunde Slade und T. Rex. Aus heutiger Sicht natürlich knallharte Rockmusik, jetzt mal im Vergleich. Auch Johnny Haeusler vom „Spreeblick“-Blog, vormals Punker mit „Plan B“, war Sweet-Fan – ein Mensch von gleichen Jahrgang wie ich. Deswegen weise ich hier auf Johnnys Erinnerungen an sein erstes Rock-Konzert mit „The Sweet“ hin. Vor allem hat er das Zeitgefühl von damals erfasst. Nicht im geschichtlichen Sinn, sondern im Sinn eines Zwölfjährigen. Was wir heute ja oft vergessen: dass früher unser Zeitempfinden ein anderes war. Ich zitiere Johnny, den ein erfahrener Rocker damals aufklärte, dass erstmal eine Vorgruppe auftreten würde: „Die Vorgruppe? Welche Vorgruppe? Ich wollte keine verdammte Vorgruppe sehen! Ich wollte THE SWEET! Ich hatte zwei Stunden Zeit, die wollte ich nicht mit einer Vorgruppe vertrödeln! ,Meistens spielen die Vorgruppen eh viel länger als die Hauptgruppe, die haben das nicht mehr nötig´, wusste der Rocker. Ich war erschüttert, vor allem, weil die Vorgruppe (“No Dice“?) furchtbar und tatsächlich sehr lang spielte, also länger als drei Minuten.“

Ja genau. Verdammt, waren wir ungeduldig als Jugendliche. Und das kommt heute noch durch. Und dann ärgere ich mich drüber und will ein gelassener Buddhist sein. Vergebene Mühe. Also bleiben wir lieber Kindsköpfe, gönnen uns ab und an was Seichtes oder suhlen uns in unseren Kinderbands wie eben Sweet, Slade und T. Rex. Weil ich nicht in West-Berlin groß geworden bin, habe ich nie jemanden von denen live erlebt. Heute schau ich sie mir auf Youtube an. „Ballroom Blitz“ gibt´s beim Spreeblick zu sehen, hier ergänzend Slade mit „Gudbye t´Jane“. Kann das mal jemand als Bluegrass spielen? Und wo gibt´s diese tolle Perücke von Sänger Noddy Holder?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s