Zeit für Krautsgrass

Es gab eine Zeit, da mussten wir immer brechen, wenn wir von Stücken lasen, die länger als vier Minuten dauerten. Sie steckten alle noch im Ohr, die verquasten, Rock-Suiten genannten, zehnminütigen Solo-Orgien mit selbstherrlichen Musikergöttern. Dann kamen glücklicherweise Punk und New Wave, die dem etwas entgegenzusetzen hatten. Und in den 80er- und frühen 90er-Jahren dachte ich, die krautrockigen Endlosstücke gehörten der Vergangenheit an. Wer allerdings heute schaut, was Schülerbands so spielen, dann ist das nicht nur Metallica und Dark Metal. Es sind die längst ausgestorben geglaubten zwölfminütigen Epen darunter, vertrackt aufgebaute Kompositionen mit bedeutungsschwangeren Breaks und sich dramatisch auftürmenden Sounds, mit verträumten Akustikgitarren neben tiefer gestimmten Metall-Brettern – alles in einem Stück, versteht sich.

Interessant, dass es weiterhin einen fruchtbaren Schoß gibt, aus dem heute das wieder entspringt, was Ende der Sechziger als „Progressive Rock“ verehrt wurde. Ich schreibe das, weil heute Punch-Brothers-Tag ist: der Tag, an dem in den USA das Debüt der Band um Chris Thile erscheint. Und wer sich die Streams auf deren Myspace-Seite anhört, kommt nicht umhin, an die vergangenen und nun wieder erwachten Kraut-Tage zu denken. Denn das hört sich (zumindest auf dem Büro-PC) so an wie eine stark verkopfte Mischung aus Bluegrass, Jazz, Folk, Alternative und Klassik, dargeboten in üppigen Portionen von vielen Minuten Länge. Ohne konzentriertes Zuhören ist da nichts zu machen. Eine akustische Kunstmusik auf hohem musikalischen Niveau. Wie nicht anders zu erwarten bei der Besetzung. Aber wenn ich wählen und mich entscheiden müsste, würde ich die gute Dreieinhalbminutenform vorziehen. Aber die haben Thile und Kollegen womöglich schon viel zu oft bedienen müssen. Und werden deshalb sinfonisch.

Ein Gedanke zu „Zeit für Krautsgrass

  1. Wie schön, auch einmal eine… na, zumindest ambivalente Haltung epische Stücke betreffend aus männlicher Feder zu entdecken! Ich dachte schon, die Liebe zum klassischen Songformat wäre eine rein weibliche…

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