Besuch der alten Dame

Es gibt so Träume. Zum Beispiel den, dass eine alte Tante verstirbt, auf ihrem Dachboden ein rechteckiger Koffer gefunden wird und drin eine alte Mandoline liegt – eine mit Schnecke und F-Löchern, eine mit Etikett, auf dem ein handgeschriebener Name steht: Lloyd Loar. Danke, liebe Tante! Nur indem wir Derartiges träumen, können wir uns vorstellen, wie sich Nick Amodeo, Verkäufer im „Denver Folklore Center“, an einem ruhigen Oktobernachmittag des vergangenen Jahres gefühlt haben mag. Er erhielt nämlich einen Anruf einer alten Dame, die Fragen hatte zu einer Mandoline, einer Gibson, einer mit F-Löchern. Auf Bitten Amodeos kam die Dame mit ihrem Mann und dem rechteckigen Koffer am selben Nachmittag in den Laden, dessen Besitzer alarmiert war. Sie schauten sich das Instrument an und fanden schnell den Aufkleber unterhalb des oberen Lochs: „The top, back, tone-bars and air chamber of this instrument were fitted, tuned and the assembled instrument tried and approved Dec. 1, 1924 — Lloyd Loar, acoustic engineer.“

Das Paar dachte, die Mando sei rund 18.000 Dollar wert. Der Chef klärte es auf: Sie werde wohl so auf 180.000 Dollar kommen. Von da an hatte die alte Dame keine Ruhe mehr, schmiss ihren Plan über den Haufen, das Instrument in der Familie weiterzugeben, und gab es zum Verkauf frei. Wer 225.000 Dollar springen lässt, kann sie kaufen. Ganz viele Bilder finden sich hier. Die gesamte Geschichte erzählt Bill Graham im Mandolin Café.

Merkwürdig, diese Fotos zu betrachten. Das also ist eine Original-Loar en Detail. Kennt man eigentlich alles von den Hunderten Nachbauten. Ich könnte leicht in Majestätsbeleidigung verfallen, wenn ich sage, so sieht auch eine alte Kentucky aus. Wahrscheinlich müsste man es umgekehrt formulieren: Fabelhaft, was die Kopisten so teilweise leisten! Über den Klang des alten Originals schweigen wir uns am besten aus. Wir kennen ihn nicht. Wir wissen nur, wie selten und begehrt die Loars sind. Und deswegen sind sie so teuer. Ich vermute aber, dass der Preis in keinem Leistungsverhältnis zum Klang steht. Und jetzt dürft Ihr mir alle die Hälse Eurer Billig-Mandos über den Kopf ziehen.

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