Freitagsmusik mit Covered Grass

Seit ich nicht mehr bei unserer kleinen Bluegrass-Band „Covered Grass“ aktiv bin, kann ich sie ohne Reue loben – jetzt stinkt ja kein Eigenlob mehr. Nicht, dass die Kapelle auf dem EWOB über mangelnden Zuspruch zu klagen gehabt hätte, im Gegenteil: Wo sie sich auch zum Spielen aufgestellt hatte, war sie in kurzer Zeit von Zuhörern und Sessionwilligen umsäumt. Und nachdem die Frage, ob sie im offiziellen Programm spielen würde, verneint wurde, kam gleich der nächste Satz nach: „But next year you will have to go on stage!“ Manche verstiegen sich sogar zu der Vermutung, dass Covered Grass ein heißer Kandidat für den Publikumspreis sein könnte. Wenn nun solches Lob von fremden Menschen aus allen möglichen Ländern kommt, muss was dran sein. Zumal die Ermutigungen auch von versierten Musikern kamen. Einer davon war Luca Bartolini, Gitarrist bei „Red Wine“ und „Bononia Grass“, der seine Blueridge für einige Stücke auspackte und mit der Band jammte (siehe unten).

Für alle, die auf dem EWOB nicht genug bekommen konnten und Covered Grass mal so richtig auf der Bühne mit komplettem Programm sehen wollen und dafür nach Köln fahren möchten, bietet sich diesen Freitag, 9. Mai, Gelegenheit dazu. Dann spielt die Band im Rahmen von „Music On Friday“ im Bürgerhaus Köln-Kalk ab ca. 21.30 Uhr. Der zweite Act des Abends hat es ebenfalls in sich: Ab 20.30 Uhr wird Roland Heinrich seine Songs spielen, der beim Bühler Bluegrass-Festival 2007 samt seiner „Jimmie Rodgers Experience“ auf der Bühne stand. Aufschreiben, weitersagen, Bürgerhaus füllen!

Luca Bartolini (r.), Red-Wine-Gitarrist, empfiehlt: Covered Grass hören! Hier mit drei Bandfünfteln angetreten (v. l.): Joon Laukamp (Mandoline), Ralph Bonfanti (Gitarre), Julia Wittfeld (Gesang). Laut Bruchrechnung fehlen: Alexandra Krings (Bass) und Volker Fisher (Banjo).

Zwischen Vollkrach und intimer Stunde

Jawohl, Mandolinenfreunde, ich habe gestern nicht geprahlt: Es gab tatsächlich drei Mando-Workshops beim EWOB. Der erste offizielle Kurs stieg Freitagmittag, war für Anfänger und schlauer werdende Anfänger gedacht und übervoll – rund 25 Leute, aufgeteilt in vier Gruppen, alle in einem Raum. Das Grauen. Geübt wurde am Klassiker „Old Joe Clark“ und teilweise an „Big Mon“. Man kann sich den Geräuschpegel vorstellen. Außerdem versage ich immer komplett, wenn ich ein Stück mal eben durch Zuhören und -sehen nachspielen soll. Selbst wenn es ein schlichtes wie das vom alten Joe ist, das mich zudem nie interessiert hat. Also abhaken die Stunde. Das gute daran: Workshop-Leader Kevin Lynch sah das große Interesse und bot für den nächsten Vormittag, 11 Uhr, einen außerplanmäßigen Termin an, als Fortsetzung sozusagen.

Und das hatten wohl die meisten vergessen (oder am Vorabend dem Alkohol zu sehr zugesprochen). Denn nur vier Schüler kamen, und so hatten jeweils zwei einen Lehrer. Also saßen ein Kollege aus Utrecht und ich in trauter Runde mit Kevin Lynch und konnten uns in aller Ruhe allerhand zeigen lassen: Übungen zum Aufwärmen und vor allem Tremolo-Geschichten. Die komplette Entschädigung für den Freitagmittag. Sehr hilfreich und entspannt.


Martino Coppo beim Jammen: mal seelig, mal konzentriert.
(Foto: Fisherman)

Und gleich anschließend folgte die Advanced-Werkstatt, zu der Kevin Lynch und Martino Coppo als Referenten beitrugen. Wieder war Tremolo ein Thema und Coppo, Mando-Spieler von „Red Wine„, hatte eine Geduldsübung für die rechte Hand parat. Dabei wird immer ein Saitenpaar angeschlagen, langsam zunächst, immer mit Up- und Down-Strokes. Dann wird das Tempo dreimal verdoppelt – hin zum Tremolo – und wieder aufs Ausgangstempo zurückgeführt. Beide Dozenten rieten dringend zum Gebrauch eines Metronoms beim Üben und zu einer niedrigen Startgeschwindigkeit.

Tempo ist die eine Sache, aber aus dem Tremolo herauszukommen ins richtige Timing eines Songs die für mich größere Schwierigkeit. Da hilft wohl nur üben und den Rhythmus eines Stücks verinnerlichen, um schnell wieder hineinzufinden. Außer Mando-Fragen ging es in dem Workshop auch um Band-Probleme, die hier an anderer Stelle zu Wort kommen sollen. Es war insgesamt jedenfalls angenehm, den beiden zu lauschen und ihre Anregungen mit nach Hause zu nehmen. Und gespielt haben sie dann ebenfalls noch was – „Big Mon“. Eine zweistimmig gespielte Passage war auch mit drin. Da ging einem doch glatt die Hose auf. Martino und seine Gilchrist, Kevin und die Gibson: Ihr seid mir schon ein dolles Quartett.

´t Trefpunt High Noon

Für alle Daheimgebliebenen und noch nie Dagewesenen: So sieht die Stadthalle von Voorthuizen, „´t Trefpunt“, von außen aus, an einem EWOB-Festivaltag vor 12 Uhr. Im Grunde so öde, als ob dort nirgendwo irgendetwas passieren würde. Doch am linken Bildrand, hinter den Fensterscheiben, da sitzen gerade einige der eines Tages besten Mandolinenspieler der Welt in einem Workshop. Und davon wird morgen hier die Rede sein.

5-String-Weisheit für alle

Nun wird sich mancher wundern, dass ich ganz oben in die rechte Spalte das Zitat eines Banjospielers gesetzt habe. Aber es geht bei den Worten von Bill Keith um praktische Musikerphilosophie. Gefallen ist das Zitat in einem der insgesamt drei (!) Mandolinenworkshops beim EWOB-Festival, ich glaube, es war der Advanced-Kurs am Samstagmittag. Tutor Kevin Lynch wollte damit zu mehr Gelassenheit beim Musizieren aufrufen – und dazu, sich zurückzunehmen, im Band-Kontext oder bei einer Session. Und da passte das Zitat der Banjo-Legende formidabel. Außerdem ist es auf Dauer natürlich auch ermüdend, nur schnelle Soli und Licks zu hören. Insofern hefte ich das Zitat mal eine Weile hier an die Blog-Wand.

Außerdem begann mein EWOB-Aufenthalt mit Bill Keith. Als ich Freitag morgen in meine Pension kam und den Frühstücksraum betrat, saß Bill Keith da und trank seinen Kaffee. Er war also in diesem Jahr der erste Bluegrass-Mucker, der mir begegnet ist. Außerdem residierten im Haus auch einige der „Sons of Navarone“ aus Belgien, wobei Thierry Schoysman auch bei „Rawhide“ spielt – dort das Banjo, hier die Mando. Überhaupt steckte das Haus voller EWOB-People. Ach, da fühlt man sich doch gleich bestens aufgehoben in der Bluegrass-Familie. Und Thierry grüße ich herzlich von dieser Stelle aus: im Sinne der bilateralen deutsch-belgischen Grassbeziehungen und mit Hinweis auf die Webseiten „Bluegrass in Belgium„.

Der Osten räumt ab

And the winner is: „Acousticure“! Das Quartett aus Ungarn trägt nun den Titel „European Bluegrass Band Of The Year 2008“ und folgt damit „G2“ aus Schweden nach. Gestern abend wurden die Gewinner des EWOB-Festivals im niederländischen Voorthuizen gekürt. Dieser Titel ist deshalb so begehrt, weil der Träger im nächsten Jahr eine Reise nach Nashville spendiert bekommt und beim dortigen IBMA-Festival auftreten darf. Außerdem wählen die Musiker untereinander ihre Besten, so dass es gleichzeitig eine Anerkennung aller Kollegen ist, auf Platz 1 zu landen. Und in diesem Jahr war der Vorsprung wohl besonders deutlich, wie Angelika Torrie von der „European Bluegrass Music Association“ (EBMA) erklärte. Acousticure singen Ungarisch, bauen auch die Volksmusik ihres Landes in ihre Songs ein. Die jüngste CD widmet sich allerdings Irland, heißt daher: „Take me back to Ireland“. Jetzt, wo sie gewonnen haben, bauen sie vielleicht auch ihre derzeit dürre Internet-Präsenz aus. Hab jedenfalls nix anderes gefunden.

Überhaupt hieß es bei den Festival-Awards: East rules! Die ersten drei Plätze bei den Publikumspreisen gingen alle an Bands aus der Tschechischen Republik. Hier gewannen „Bluegrass Cwrkot“ aus Sloupnice. Also entweder lagen sie ganz vorn, weil nicht nur das Festival-Line-up aus so vielen Bands des Ostens bestand, sondern auch das Publikum tschechisch gut bestückt war. Das wäre ein bisschen so wie beim „Eurovision Song Contest“, wo die Nummern aus dem ehemaligen Ostblock auch oben landen. Oder die Tschechen sind tatsächlich die Chinesen des europäischen Bluegrass und räumen ab, weil sie es so gut können. Ich hab kein Urteil parat, weil ich die Siegerband nicht gehört habe. Und auch so manch andere Band nicht. Aber davon wird hier noch zu lesen sein. Fortsetzung in den nächsten Tagen.

Acousticure: Géza Kremnitzky, Zsolt Pintér, Peter Gyergyadesz, Andras Toth – European Bluegrass Band 2008