Der Bergdoktor will Obama

Heute wird in den USA der neue Präsident gewählt, und alle Welt berichtet darüber – das deutsche Fernsehen beispielsweise die ganze Nacht über. Obwohl ich stark bezweifle, dass so schnell handfeste Ergebnisse zu erwarten sind. Aber nu, es wird klöppeln und buhrowen und möglicherweise auch klebern in der kommenden Nacht. Wir beobachten das natürlich aus unserer speziellen Perspektive. Denn allgemein gilt die Bluegrass-Szene in den USA ja als traditionell konservativ. Und was passiert da diesmal?

Zumindest der greise Dr. Ralph Stanley hat für eine dicke Überraschung gesorgt und sich öffentlich für Barack Obama ausgesprochen. Von Tim O’Brien nehme ich sowieso stark an, dass er sich für den demokratischen Kandidaten stark gemacht hat. In Madison, Wisconsin, organisierte die „Southern Wisconsin Bluegrass Association“ ein Festival, um Mittel für Obamas Wahlkampf zu erzielen. Die „Yonder Mountain String Band“ aus Colorado spielte vor Obamas Rede auf dem Demokratischen Parteitag in Denver auf und dürfte wohl auch zu dessen Lager zu zählen sein. Chris Thile gab gemeinsam mit Jazzpianist Brad Mehldau ein Benefit-Konzert für den „Change“-Mann. Eingehendere Recherchen mögen weitere prominente Bluegrass-Künstler zu Tage fördern, die Barack Obama unterstützen. Doch Illusionen mache ich mir keine: Die Mehrheit im US-Bluegrasslager wird wahrscheinlich McCain im Weißen Haus sehen wollen. In zwei Tagen sind wir möglicherweise schlauer. Im Bluegrass-State Kentucky übrigens scheint Obama nur Jefferson County sicher auf seiner Seite zu wissen. Wäre eine Sensation, wenn dieser Staat an ihn ginge.

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Ja, wer umrahmt denn da den Doktor? Jedenfalls nicht Obama samt Frau.

Doppelstopp geht ins Café

Seit Stunden sitze ich da und klopfe mir ununterbrochen auf die Schulter. „Jetzt wirst Du berühmt“, sage ich mir dabei. Ja, jetzt ist es soweit: Ich tauche dort prominent auf, wo die gesamte Mandolinenwelt (vielleicht bis auf die klassische) hinschaut: im „Mandolin Café„. Und dazu noch in der gern gelesenen Kolumne von Bill Graham. Und warum? Weil ich neulich Bill eine Lobesmail geschrieben und ihm viel Geld überwiesen habe, um mich mal zu erwähnen. Halt, war ´n Scherz! Nur die Lobesmail stimmt, und die habe ich aus vollem Herzen verschickt, weil ich die Kolumne jedesmal irgendwie interessant finde. Ist mir schon öfters passiert, dass ich nach der Lektüre Musik oder Musik machen von einem anderen Standpunkt aus betrachtet habe (oder bewusster). Ich dachte es sei mal an der Zeit, Bill Graham dafür zu loben.

Bill Graham, Kolumnenschreiber und Musiker

Und dann das: Bill nutzt die Mail als Inspiration für seine aktuelle Kolumne namens „Beyond the holler, around the world„. Darin geht es darum, dass er sich klar wird, immer nur aus US-Sicht zu schreiben, wo die Mando doch die ganze Welt umspannt. Ich fände das jetzt nicht so tragisch, weil man als Bluegrass-Mando-Mensch ja gewohnt ist, den meisten Input aus den USA zu erhalten. Aber Bill hielt es wohl an der Zeit, den Blick weit über die Grenzen der Bundesstaaten zu lenken und zu würdigen, was dort draußen so alles passiert. Das finde ich nett. Und dann hat er noch auf dieses mein Weblog verlinkt. Was ja auch ziemlich nett ist und weswegen ich ja jetzt berühmt werde. Obwohl: Die Zahl der US-Amerikaner, die Deutsch können und die Kolumne lesen, dürfte überschaubar sein. Trotzdem bin ich heute größer – mindestens zwei Zentimenter.

Vom Wahren, Schönen, Guten

Kleine Beobachtung meinerseits: Auf dem Mando-Workshop waren viele gute Instrumente am Start! Gibsons, Lebeda, Eastman zum Beispiel und meine Kentucky 1500 schließe ich mal mit ein. Also müssen doch Geldmittel vorhanden und im Umlauf sein!? Wie kann man sich das sonst leisten? Okay, ich zahle noch heute an meinem Instrument ab und muss dazu jeden Freitag und Samstag in einem kleinen Landpuff meinen Körper feilbieten. Aber wie machen´s die anderen? Verdienen viel? Alles nur auf Pump? Es gibt dazu einen amüsant-nachdenklichen Thread im Mandolin Café, gestartet von einem E-Bassisten, der mit Recht darauf hinweist, dass gute Bässe für billiges Geld zu haben sind, gute Mandos aber nicht. Jedenfalls sind einige hochinteressante Antworten zu finden: Einer behauptet, vor zwei Jahren mit dem Saufen aufgehört zu haben und so jede Menge Geld zu sparen, ein anderer spricht von einem Lottogewinn, der ihm ungehemmten Cash Flow ermöglicht, ein dritter röstet Kaffee und übt währenddessen.

Nun ja, wie auch immer. Aber eins will ich hier mal festhalten: Ich finde nicht, dass irgendwer begründen muss, warum er ein teures Instrument spielt und woher er das Geld dafür hat. Es muss sich niemand dafür entschuldigen, dass ihm eine schöne Mando so sehr am Herzen liegt, dass er seine gesamten Ersparnisse dafür hergibt. Eine teure Flitsch sagt ja nicht wirklich etwas über die materielle Ausstattung seines Besitzers aus. Es zeigt vor allem, dass derjenige Wert legt auf Qualität und Wertbeständigkeit und die ganze Billigheimerei nicht mitmacht. Solange die Kinder nicht Hunger leiden und in Lumpen gekleidet zur Schule gehen müssen… Übrigens, oft genannt im oben erwähnten Thread: verständnisvolle Ehefrauen. Davon kenne ich auch welche, und deren Ehemänner wissen hoffentlich zu schätzen, was ihnen dadurch erspart bleibt.

Nichts geht mehr ohne Eintänzer

Wenn man heute als Bühnenkünstler Aufsehen erregen will, muss man sich schon was überlegen. Als am vergangenen Samstagabend nach dem Mando-Workshop im alten Solinger Hauptbahnhof die dänische Folkrockband „Serras“ das erste Stück des Abends spielte, tauchte sofort vor der Bühne ein schlanker, in weiß gekleideter Mann auf, der sich sehr stark bewegte. Ein ehemaliger dänischer Verkehrspolizist, der nun als Eintänzer seinen Unterhalt verdient? Oder ein Verrückter aus dem Publikum? Nein, es handelte sich tatsächlich um einen professionellen Ausdruckstänzer, der sich als Meister für einen Tanzworkshop präsentierte. Dies wurde uns nach Stück eins erklärt. Aber warum nicht zur Bluegrassband einen Stimmungstänzer vor der Bühne auf und ab bewegen lassen? Könnte die Attraktion jeder Show werden. Bei den Iren tauchen ja auch plötzlich aus dem Nichts Tänzer oder Tänzerinnen auf, die munter herumhopsen. Tja, wer den Bluegrass ins 21. Jahrhundert führen will, der darf nicht schlafen.

Nach dem Serras-Stück enterte übrigens erstmal das „Trio Vibracao“ die Bühne, das in der neuesten Ausgabe der „Akustik Gitarre“ gefeatured wird. Nach dem Rupert Paulik mit Jesper mal wieder ein Mando-Spieler im Heft.