An die Wurzeln

Manches wandelt sich mit zunehmendem Alter. Als Kind schmeckte Mineralwasser für mich sauer, weil ich meistens Limo getrunken habe. Salat konnte ich überhaupt nicht ausstehen – erst nach dem Abitur mochte ich den, dafür umso mehr. Und irgendwer hat mal gesagt, dass es ein Zeichen fürs Erwachsenwerden ist, Oliven zu mögen. Die habe ich tatsächlich erst spät schätzen gelernt. Mit Musikstilen mag es ähnlich sein. Aufgewachsen mit den Schlagern der Eltern, weitergemacht mit Teenie-Pop, bis in der Pubertät Rockmusik bestimmend wurde. Damals fand ich es peinlich, beim Klassikhören erwischt zu werden. Oder bei Musik im Ohr, bei der ein Banjo mitspielt. All das hat sich mit den Jahren gelegt. Und Bluegrass spielt im Grunde die Rolle der Oliven meines Musikgeschmacks: Ich hab erst spät dahin gefunden. Ich glaube, es war Weihnachten vor drei Jahren, als ich meine erste Alison-Krauss-CD gekauft habe. Danach ist viel passiert – unter anderem trat die Mando ins Leben.

Bei vielen Musikstilen, die mir begegnet sind, wollte ich bis zu einem gewissen Grad zu dessen Wurzeln vordringen. Wenn sich Van Morrison in Interviews oder Liedern auf Bluesgrößen oder Folksänger bezog, wollte ich was von denen hören. Bezog eine Band ein Akkordeon ein, zog es mich zum Cajun. Ließ Neil Young Countryklänge in seine Songs einfließen, stieg meine Offenheit dieser Musik gegenüber. Und die Reggae-Elemente der frühen „Police“ führten gerade zu Bob Marley. Das nur als Beispiele. Nur beim Bluegrass konnte ich mich bislang nicht dazu durchringen, eine CD des Übervaters zu besorgen: Bill Monroe sagt mir bis heute kaum etwas. Vor allem der hohe Tenorgesang schreckt mich immer noch ab. Aber vielleicht geht es mir auch mit ihm wie mit den Oliven …

Jedenfalls scheint das selbst in den USA nicht ungewöhnlich zu sein. Dort muss offenbar auch nicht jeder mit Bill Monroe schon in der Wiege beschallt worden sein. Je nach Elternhaus und Region war es auch dort ein mehr oder weniger verwinkelter Weg Richtung Bluegrass. Seine persönliche Geschichte, wie er zu Bluegrass und letztlich auch Bill Monroe gekommen ist, erzählt Bill Graham in seiner jüngsten Kolumne im Mandolin Café: „My long and winding road to Bill Monroe„. Eine amerikanische Geschichte, die uns gar nicht so fremd vorkommt.

5 Gedanken zu „An die Wurzeln

  1. Ja der Bill. Mit meiner Liebe zur Bluegrassmusik im weitesten Sinne hat der auch nix zu tun. Natürlich sind bei Sessions die traditionellen Songs angesagt, weil die einfach strukturiert und dementsprechend für Improvisationen prima geeignet sind. Aber viel interessanter sind die moderneren Bands wie New Grass Revival oder die Infamous String Dusters oder ähnliches. Da sieht man, wo der Feind steht, mandolinenmäßig meine ich. Chris Thile´s CD´s kauf ich allerdings nicht mehr. Der ist mir zu weit weg vom Ursprung. Und der Bill, (wahrscheinlich werde ich von irgendwem gesteinigt), sein Gesang war (für meine Ohren) oft nicht high lonesome sondern schief, sein Mandospiel seltsam. Schwierig zu sagen, die Töne klangen nicht so wie bei anderen Zauberern. Hab nie den Eindruck gehabt, dass ich was verpasst habe, weil ich mich nicht intensiv mit ihm beschäftigt hab.

  2. Genau….., der Bill, der Bill! Wir handeln uns hier sicher schlimmste Verweise der fundamentalistischen Grasser-Seele ein – aber das, was mein Vorschreiber Dieter oben meint, hat mir echt aus der Seele gesprochen. Bei mir verursacht der sog. High Lonesome Sound ebenfalls meistens nur nach „oben“ gezogene Augenbrauen und eine faltige Stirn. Gegen einfach strukturierte Songs habe ich gar nix – siehe die Beatles, die mit 4 Akkorden das gesammte Popmelodiespektrum abgedeckt haben – aber dieses an der Grenze zur Erträglichkeit zelebrierte Jodeln und Wimmern ist nicht schön.
    Wahrscheinlich heißt es „High Lonesome Sound“ weil man nach einem solchen Vortrag plötzlich ganz alleine in den Bergen saß – einsam und allein?!

    Was Bills Einfluss auf der Mandoline angeht muss ich aber sagen, dass ich das etwas anders empfinde. Auch ich mag eher die fein ziselierenden Könner wie Thile, Steffey oder Bush, doch dieses etwas rauhe und kantige, ja teilweise „schlampig“ klingende Spiel des Meisters ist etwas ganz Besonderes und wird nicht umsonst von eher traditionell spielenden Meistern versucht zu kopieren. Es hat schon eine unbändige Energie wenn der alte Sack richtig hinlangt – das rockt deutlich. Dieses in die heute Zeit zu transportieren, damit haben dann wiederum einige Feingeister der Mandoline mehr Probleme. Also….., schließlich stammt auch heute noch das meiste was gespielt wird und irgendwie nach Bluegrass klingt, aus Bills altem Hirn. Davor verneige ich mich tief!

  3. Ja, ja, Asche auf mein Haupt! Ich finde viele seiner Instrumentals ja auch prima. Nur die Art, WIE er sang und spielte, gefällt mir nun mal nicht besonders. Aber er ist nun mal Gründer, Inovator, Erfinder, Vorbild (außer für mich), Übervater, usw., usw.. Hoffentlich werden ich nun nicht aus der Bluegrass-Gemeinde ausgeschlossen.

  4. oh, oh, oh. Troubadix ist doch der, den keiner höhren will, weil er weder singen noch spielen kann! Jetzt ist das Eis, auf dem du stehst und Mando spielst, dünn geworden. Die traditionellen Bluegrasser rücken zusammen, kaufen Flugtickets nach Rosine Kentucky, um Bill wieder richtig zu betten, weil der sich im Grab rumgedreht hat. Danach kommen die zurück, gründen eine Bürgerinitiative, sorgen dafür, dass du nirgends mehr Saiten kaufen kannst, erwirken eine einstweilige Verfügung, dass alle Kentucky-Mandos durch die Polizei eingesammelt werden. Aus nicht bekannten Gründen verlierst du deine Wohnung und musst unter der Brücke schlafen. Vielleicht schenken sie dir noch ein Banjo, als letzte und schlimmste Strafe für den Bill-Verräter. Ts, Ts, Ts, wie kann man nur. Wenn du an Jesus Kritik geübt hättest, aber doch nicht an Bill…

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