Solingens süße Saiten

Niemals zuvor standen derart viele Künstler auf der kleinen Bühne der „New Acoustic Gallery“ in Solingen: Beim großen Jam-Finale des ersten Mandolinen-Festivals am Samstagabend knubbelten sich Caterina Lichtenberg, Mike Marshall, Don Stiernberg mit seinen Musikern Andy Brown (g) und Jim Cox (b) sowie Marijke (mand) und Michiel (g) Wiesenekker von „Mando Nuevo“ samt Gastgeber Oliver Waitze auf engstem Raum zusammen, um das Publikum mit einer letzten Zugabe nach Hause zu schicken: „Sittin´ On Top Of The World“. Da ging es auf 23 Uhr zu. Und weil das Programm bereits um 19 Uhr begonnen hatte, müssten eigentlich alle satt geworden sein. Voll mit Jazz-Klassikern, Choro-Ohrwürmern, Bach und TV-Themes. Sogar einige wenige Bluegrass-Tunes mischten sich unter das Büffett, logischerweise nach Art des Jazzers zubereitet. Da gab es also – verglichen mit dem gängigen Bluegrass – weniger leichte Kost, aber letztlich doch Stoff für Kopf UND Bauch. Es hat also Spaß gemacht. Und meinesteils motiviert mich das Zusehen und -hören zu eigenem Treiben, auch wenn natürlich kein Mike Marshall mehr aus mir wird. Ist ja auch gar nicht die Frage. Aber es war inspirierend und der Folgetag gefüllt mit vielen selbstproduzierten Mando-Noten.

Was mich auf den Workshop mit Don Stiernberg bringt, bei dem ich mit von der Partie war. Ich hatte mir ja vorher schon was gedacht: als völlig unbeleckt von Swing und Gypsy dort zu sitzen. Und als dann der überwiegende Teil der Mitworkshopper munter vom Tab-Blatt das erste Stück spielte, wusste ich, dass ich mehr Zuschauer sein würde. Trotzdem sind ein paar Übungen für mich rausgesprungen und einige Ideen haben sich übertragen. Außerdem ließ Don aufblitzen, dass er ein guter Jethro-Burns-Imitator ist – nicht nur (als sein ehemaliger Schüler) auf der Mando, sondern auch stimmlich. Näheres zum Fest wird hier in den nächsten Tagen folgen, in Text und Bild. Stay tuned!

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Was für ein Gedränge! Bestimmt hat unser Fotograf da auch irgendwo eine Maus versteckt.

Gespannte Erwartungen

In gespannter Erwartung, in der die Erwartung ja meistens sehr gespannt ist, erwarte ich den morgigen Tag: mit dem ersten Mandolinenfestival in der Solinger „New Acoustic Gallery„. Einerseits natürlich wegen der Starbesetzung – wann finden sich schonmal Caterina Lichtenberg, Mike Marshall und Don Stiernberg (und nicht zu vergessen unser dänischer Lehrmeister Jesper Rübner-Petersen) an einem Platz ein? Andererseits aber bin ich gespannt aufgrund des Workshops zum Thema Swing, Jazz und Improvisation mit Herrn Stiernberg, zu dem ich mich angemeldet habe. Obwohl mir die Stilistik noch ziemlich fremd ist. Es kann also durchaus sein, dass ich stumm und steif dasitzen werde, während der Rest freudig dem Lehrer folgt. Aber selbst wenn es so wäre: schaden tut´s doch nicht. Irgendwas bleibt immer hängen, sagen sich nicht nur die Leser der Bild-Zeitung. Insofern will ich mal ganz ruhig bleiben und versuchen, die Erwartung etwas zu entspannen. Dann werden die Finger bestimmt flinker. Unten ein Ausschnitt aus der Gallery mit Joscho Stephan – der ja bekanntlich keine Mando spielt, sondern diese komischen großen Dinger. Ist aber trotzdem ein Guter.

Adam schlägt nicht

Keine Frage: Adam Steffey gehört auch zu meinen Lieblings-Mandolinenspielern – was ja nicht besonders originell ist. Viele mögen seine Art zu musizieren, weniger die Schnelligkeit als vielmehr seinen wunderbareren Ton, so warm, weich und sauber. Wie der zustande kommt, darüber gibt er selbst Auskunft in Bill Grahams Kolumne im „Mandolin Café“: Er versucht, die Saite nicht anzuschlagen, sondern sie eher entschlossen zu streicheln. Wie man sowas üben kann, verrät er in diesem Zusammenhang gleich mit und außerdem, was er tut, um sein Rhythmusgefühl zu schulen. Bei alledem spielt das Metronom eine entscheidende Rolle. Wenn ich sowas lese, fällt mir immer meine Nachlässigkeit ein, fast nie zum Klick zu üben. Ach, was wäre, wenn man keine guten Vorsätze mehr hätte? Außerdem werde ich zwar nie so Mando spielen können wie Adam Steffey, dafür habe ich eine bessere Figur – auf einigen Youtube-Videos sieht der Gute ja ziemlich aufgequollen aus. Aber so lange er seine Daily-Mando mit den EXP74-Saiten von D´Addario und dem Blue-Chip-Pick so bearbeitet, wie er das tut, will ich nichts gesagt haben.

Vom Wert des Vinyls

Aus Uwe Tellkamps im DDR-Dresden spielenden Roman „Der Turm“:

Niklas zog weiße Handschuhe an, kippte die Schallplatte, eine wippende EMI-Pressung, … aus der Hülle und dem mit Folie gefütterten Papierschutz, faßte die Scheibe zwischen Mittelfinger und Daumen …, begann sie mit extraweichen Kohlefasern zu streicheln, die wie eine Sammlung verführerischster Frauenwimpern in einer Aluminiumbürste aus Japan steckten … und den Staub schonender, dabei gründlicher entfernen sollten als das gelbe Tuch, das der VEB Deutsche Schallplatten manchen seiner Eterna-Alben beilegte, kämmte zärtlich und versonnen die feingewebte Tonspur nach, bis Erik Orré … sagte: „Nu, laß gut sein, Niklas, ich denke, du hast ihr Vertrauen.“

Soviel zum Thema Wertschätzung der Vinyl-LP. Wobei eine EMI-Pressung in der DDR eine unglaubliche Kostbarkeit gewesen sein dürfte.

Country und Oldtime rabiat

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Nachdem hier kürzlich von Bill Frisells CD „Nashville“ die Rede war, will ich in dem Zusammenhang nicht den New Yorker Jazzgitarristen Joel Harrison vergessen. Gegen sein 2003 vorgelegtes „Free Country“ wirkt Frisell allerdings wie Easy Listening – was nicht heißen soll, dass die gesamte Platte lang Harrison uns mit Anspruch überfrachtet. Bei den Stücken, die Norah Jones singt, geht es erwartungsgemäß ruhiger zur Sache, etwa mit „I Walk The Line“ oder dem „Tennessee Waltz„. Wirklich schmalzig wird es bei Joel Harrison aber nicht, im Gegenteil lässt er es gern krachen.

Vor allem aber interpretiert er Country-Klassiker und Wohlbekanntes aus den Appalachen („those old songs from the mountains“, würde der Doktor sagen) auf ureigene Weise – so sehr verändert, dass sie teilweise kaum wiederzuerkennen sind. Muss ja auch nicht. Zeigt aber schön, was aus der Essenz eines Liedes entwickelt werden kann. So muss man auch keine Angst haben, wenn „Will The Circle Be Unbroken“ auf der Liste steht oder „This Land Is Your Land“. Cash, Guthrie, Carter und Haggard: Nur letzterer durfte noch mit eigenen Ohren erleben, was Joel Harrison mit einem seiner Songs angestellt hat: „Sing Me Back Home“ gibt hier eine schöne Country-Ballade ab, mit ´ner fetten Portion Jazz drin. Mein Favorit: Cashs „Folsom Prison Blues“ in einer wirklich gut abgehenden und schön rabiaten Fassung.

Hübsche Musik, bei der nichts fehlt, oder? Ach so, ja doch, natürlich, ich Dummi.

Der schräge Bill im Bluegrass

So mancher mag bestimmt auch mal was Anderes als Bluegrass hören, aber dann bitte doch nichts völlig Anderes. Aber nicht verzagen! Denn es gibt ja den US-Jazzgitarristen Bill Frisell! Und seine CD „Nashville„! Die ist zugegebenermaßen längst nicht mehr taufrisch, hört sich aber immer noch gut an. 1997 aufgenommen, präsentiert eine uns gut bekannte Creme de la Creme der Bluegrassszene vor allem Stücke aus Frisells Feder, immer ein bisschen schräg angehaucht, aber letztlich gut konsumierbar. Bitte kein schwerer Stoff bei diesen Temperaturen heute! Mit von der Partie sind u. a. die Herren Jerry Douglas, Ron Block, Adam Steffey und A.-Krauss-Bruder Victor. Falls mal gesungen wird, ist es die timbregeladene Stimme von Robin Holcomb. Ein musikalischer Trip nach Nashville, den sich Bluegrassfreunde durchaus gefallen lassen können.

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Mandos statt Klingen

Noch steht das Banner in der rechten Spalte auf diesem Blog, das auf das erste Mandolinenfestival in der Solinger „New Acoustic Gallery“ hinweist. Bald aber wird es verschwinden. Denn bis zu den Konzerten am 29. und 30. August dauert es keine zwei Wochen mehr. Vor allem die Jazzer unter den Mandolinista dürften sich angezogen fühlen von Acts wie Don Stiernberg, Mike Marshall und dem Trio Vibracao. Und dazu kommt ja noch die reizende und hoch fähige Caterina Lichtenberg. Und Mando Nuevo. Und die drei Topstars Marshall, Lichtenberg und Stiernberg stehen außerdem für Workshops zur Verfügung. Noch sind Karten zu haben und wer sicher sein will, an der Abendkasse nicht in die Röhre zu gucken, greift zum Telefonhörer oder tut sonstwas, um dabeizusein. Die letzten Stündlein bis zur Festivaleröffnung schlagen …

Frisuren vom anderen Stern

Ich weiß nicht, wer die drei Damen sind, und ich glaube, ich möchte es auch gar nicht wissen. Nachher kommt dabei heraus, dass es eine Mädchen-Bluegrass-Band war, die auf allen Pfarrgemeinderätefesten in den USA aufgetreten ist. Nein, ich will diese Musik sauberhalten. Als Hinweis an alle, wie ein Cover NICHT aussehen sollte, egal bei welcher Musikrichtung. Einmal laut schreien und weiterblättern! Eine Girlgroup vom anderen Stern.

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Blaue oder rote Musik?

Zu einer Zeit, als konservierte Musik noch nicht aus Daten bestand, sondern aus magnetisierten Eisenteilchen oder Rillen im Vinyl, als lediglich technische Begrenzheit den Klang verfälschte, als Tonträger noch zu greifen waren – zu dieser Zeit galt es auch nicht als ausgemacht, in welcher Form die Musik etwa auf einer Schallplatte verewigt war: Mono oder Stereo? Dies musste dem Kunden kenntlich gemacht werden, schließlich hatte er sich und seine Technik darauf einzustellen. Und da fiel mir im Plattenschrank von Freund Hans die LP „Vivaldi Lute and Mandolin Concerti“ in die Hände. Die Produktion aus dem Jahr 1964 mit den Mandolinisten Paul Grund und Artur Rumetsch war auf dem „Turnabout Records“-Label erschienen. Und die schützende Innenhülle klärt lang und breit darüber auf, wie Schallplatten zu behandeln sind und die entsprechenden Abspielgeräte – in blauer Schrift, mit blauem Rand.

Gerade diese blaue Farbe war es, die dem Käufer signalisierte, es mit einer Stereo-Platte zu tun zu haben. Denn die Außenhülle verfügt über ein rundes Sichtfenster, in dem ein blauer Strich zu erkennen ist – Teil der Textumrandung. Gleich daneben steht dazu die Erklärung. Es hätte auch ein roter Strich sein können, dann wäre alles Mono gewesen. Das Foto unten zeigt es deutlich nebst einem antiken Preiscode-Schild eines Kölner Schallplattengeschäfts. Ein gestanztes Loch, ein Farbcode, eine feste Papphülle, ein tiefgrün silbernes Label: Manchmal wünscht man sich wirklich die Sinnlichkeit ins Tonträgerleben zurück. Werden USB-Sticks da jemals heranreichen?

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Der Blue Chips letzter Schluss

Kürzlich, als es hier um den Tod von Jürgen Egger ging, war von HiFi die Rede und von High End und Jürgen Egger brandmarkte Hersteller, die irgendwelche Kabel zu horrenden Preisen verhökern. Im Bereich High End befinden wir uns auch mit den Picks von „Blue Chip„. Ich hatte ja schon so einiges vorausgeschickt, nun soll es auch zu einem Abschluss kommen. Also: Die Picks sind tatsächlich sehr gut, was Klang und Handhabung angeht. Da ich nie mit einem echten Tortoise-Pick gespielt habe, kann ich da nichts vergleichen. Aber viele behaupten ja, die Blue Chips wären ganz nah dran am Schildpatt-Sound, aber viel langlebiger. Zur Haltbarkeit allgemein verbietet sich eine Aussage, da ich dazu sicher zu wenig spiele. Die Profis auf der Website von Blue Chip betonen allerdings die extrem lange Haltbarkeit, und das muss man denen auch glauben, denn die spielen ja wirklich den lieben langen Tag rauf und runter. Mir persönlich gefallen die Blue Chips mit dem Aufdruck „50“ am besten, das entspricht einer Stärke von 1,25 mm, und da besonders die TAD-Form mit ausgeprägten Spitzen. Wer es gewohnt ist, mit abgerundeten Picks zu spielen, wird an den TPRs mehr Spaß haben. Die sind außerdem eine Ecke kleiner. Aber das muss ja sowieso jeder höchstselbst ausprobieren.

Tja, die Qualität der Blue Chips steht also außer Frage. Bliebe nur noch, über den Preis zu sprechen. Die Kosten pro Stück von 35 Dollar relativieren sich natürlich bei dem günstigen Euro-Kurs etwas, aber sie sind dennoch deutlich teurer als etwa die Wegen-Picks. Und die sind ja ihrerseits deutlich kostspieliger als etwa ein „Fender Heavy“. Das ist dafür dann auch ziemlich schnell runtergenudelt. Also: Wer viel Geld verdient, dem kann es ja wohl egal sein und der wird sich so ein Blue Chip einfach kaufen. Wer wenig Geld hat, wird es wahrscheinlich bleiben lassen. Und allen dazwischen kann man raten, es einfach auszuprobieren – es ist deutlich billiger als eine neue Mandoline zu kaufen und kommt auf jeden Fall der Experimentierfreude entgegen. Möglicherweise ist es genau das Plec, das Ihr immer gesucht habt.

Und was die High-End-Betrüger und Voodoo-Zauberer angeht: In diese Ecke stecke ich Matthew Goins, Blue-Chip-Entwickler, sicher nicht. Er erklärt den Preis so: „We use an extremely expensive, highly proprietary composite material that must be milled with precision that accounts for the bulk of the cost of each pick. The creation of a pick from this exceptional stock is also very labor intensive.“ Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Nur noch, dass ich auch meine Wegen-Picks weiter nutzen werde. Sie haben halt alle ihren eigenen Sound.

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Die Sieger im persönlichen Test: links TAD, rechts TPR.

Der Holzklotz war sein Schicksal

Willkommen im Todes-Blog! Heute ist das Ableben von Les Paul zu berichten – er starb gestern im Alter von 94 Jahren in White Plains, US-Bundesstaat New York. Im Grunde war der Mann für die Welt der E-Gitarre sowas wie Lloyd Loar für die der Mandoline: ein Innovator, der einer Instrumentengattung eine neue Richtung wies. Anders als bei Loar kam Gibson bei Les Paul erst später ins Spiel: Erstmal nutzte er Werkzeug und Räume der damals noch eigenständigen Firma Epiphone für die Entwicklung seiner Gitarre, die Feedback-Problemen den Garaus machen sollte. Sein Werk bestand eigentlich nur aus einem Holzklotz, auf dem zwei Tonabnehmer montiert waren – und natürlich dem Hals. Damit das alles was besser aussah, zerteilte er eine Epiphone und leimte die Seiten an seinen Holzklotz an. Das sah dann aus wie eine richtige Gitarre. Im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert. Das erste Les-Paul-Modell brachte Gibson 1952 auf den Markt. Fortan sorgten vor allem Rockmusiker für den Ruhm der Gitarre, etwa Eric Clapton und Jimmy Page.

Les Pauls eigene Musik ist jetzt nicht unbedingt etwas, wofür mein Herz schlägt. Er war ja eher im Bereich Unterhaltungsjazz unterwegs, gemeinsam mit Ehefrau Mary Ford. Aber über das Gitarrebasteln hinaus wirkte er als Schöpfer neuer Geräte, die die Aufnahmetechnik nach vorn brachten, etwa das Mehrspurverfahren ermöglichten. Und Effektgeräte hat er ja auch noch konzipiert. Kurzum: Der Mann hat deutliche Spuren hinterlassen und der Popmusik dicke Dienste erwiesen. Weshalb ihm auch von akustischer Seite Respekt gezollt werden soll, obwohl er ja die F-Löcher an der Gitarre abgeschafft hat. Und beim Thema F-Löcher sind wir hier sehr empfindlich.

LPTD-LHSCH1-Finish-Shot Schön, aber keine F-Löcher!

Ein Rambler im Himmel

Im Alter von fast genau 76 Jahren ist am 7. August Mike Seeger in Lexington, Virginia, gestorben. Man darf ihn getrost als Legende der US-Folkmusik bezeichnen: Als Musiker, Liedersammler und wegen seiner zahlreichen Live-Aufnahmen alter Folk- und Bluegrasshelden genoss er hohes Ansehen. Seeger, Halbbruder von Pete, mischte als Mitglied der „New Lost City Ramblers“ beim Folk-Revival in New York mit; das war am Ende der 50er- und zu Beginn der 60er-Jahre. Seitdem hat er deutliche Spuren hinterlassen und wurde sechsmal für einen „Grammy“ nominiert. Genaueres findet sich auf seiner Website oder hier. Wie wichtig er für das Folkrevival in Greenwich Village war, lässt sich auch bei Bob Dylan in dessen Autobiografie „Chronicles“ nachlesen. Im vergangenen Jahr stand Mike Seeger als Mitglied der Band von Alison Krauss und Robert Plant auf der Bühne.

Außer jeder Menge anderer Instrumente spielte Seeger natürlich auch Mandoline. Bewegte Bilder dazu scheinen rar zu sein. In diesem Trailer zum Film „Always Been A Rambler“ taucht er aber mal ganz kurz mit Mando auf.

Und wenn das hier so weitergeht mit den Todesfällen, ändere ich die Blog-Farbe von Grün auf Schwarz.

Drecksgeräte und Junkie-Käufer

Jürgen Egger muss ein ziemlich bunter Hund gewesen sein: unangepasst, durchsetzungsfähig, witzig, übermütig, vielleicht auch mal ein bisschen stur. Der 1959 in Bamberg geborene Egger war so manches, Drehbuchautor, Regisseur, Journalist, Whisky-Kenner, Musikliebhaber. Beim Film startete er gemeinsam mit Sönke Wortmann in „Kleine Haie“ durch, arbeitete am Buch zu den „Comedian Harmonists“ mit, wirkte als Dialog-Coach beim „Wixxer“ und führte Regie bei seinem eigenen Film „Harald“. Seine Affinität zur Musik führte ihn wohl zum Thema HiFi, und das geht eigentlich jeden an, der gern Musik hört und sie nicht nur selbst produziert. Jürgen Egger schrieb für „Hifi Exklusiv“, in der es in erster Linie um „High End“ ging. Da war er aber irgendwie falsch – oder auch nicht. Denn den üblichen HiFi-Journalismus fand er „steindumm“, kritisierte stattdessen deutlich, wenn ihm an Geräten was nicht passte. Und das gefällt den Herstellern und damit Inserenten von HiFi-Zeitschriften gar nicht. Und das wiederum den Verlagen nicht.

Also ließ er HiFi Exklusiv (HEX) hinter sich, um später allerdings eine Kolumne zu schreiben bei „image hifi“, eine Art Nachfolger von HEX – worin er geniale Brücken schlug zwischen Alltag und Musikhören. Vielleicht erscheinen seine Kolumnen ja mal gesammelt, das wäre schön. Denn Egger schrieb beispielsweise so etwas:

„Es gibt ein Restaurant am Rande des Universums. Eigentlich ist es kein Restaurant, sondern eine üble, stinkende Kaschemme, in der ausschließlich fettige, dunkle Batzen mit einer glibberigen, hellen Sättigungsbeilage serviert werden. Immer das gleiche. Jeden Tag. Und zum Trinken gibt es nur warme Cherry Coke. In dieses Restaurant am Rande des Universums werden alle Highender eingesperrt, die in ihrem irdischen Leben gesündigt haben. Man trifft dort Leute, die ein oder mehrere Male Leistungen von Endstufen in Pferdestärken angegeben haben, die mit Kabel-, Spray- oder Gerätebasen-Voodoo ein Vermögen gemacht haben, die ihre windig zusammengeschusterten Dreckslautsprecher für ein Schweinegeld an die von der Fachpresse verdummten Junkie-Käufer verdealt haben.
Der eine oder andere HiFi-Journalist sitzt übrigens auch dort herum. In diesem Restaurant läuft den lieben langen Tag Chris de Burgh von Mini-Disc über eine permanent clippende Vor-/Endverstärkerkombi und Sechsweg-Boxen mit kaputten Mitteltönern. So habe ich es einmal in einer unruhigen Messenacht geträumt. Ich weiß nicht, wieviel Wahrheit in diesem Traum steckt. Aber es ist eine ungemein beruhigende Perspektive.“

Am 1. Juli 2009 ist Jürgen Egger gestorben. Ein Nachruf findet sich bei image hifi. Und dort lässt sich auch ein pdf des „Schlüsselloch-Reports“ herunterladen – in dem Egger erklärt, wie man zum Whisky-Connaisseur wird. Cheers.

Willy streunt nicht mehr

Am 6. August ist Willy DeVille gestorben, nicht ganz 59 Jahre alt. In diesem Jahr hatte er eine große Tournee geplant, dann erkrankte er im Februar an Hepatitis C. Das Ende vom Lied: Bei ihm wurde Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Was für ein schräger Typ, was für eine charakteristische Stimme! Auf jeden Fall bedeutet sein Tod ein Original weniger in der Musikszene. Mehrere Rockklassiker gehen auf sein Konto, etwa „Spanish Stroll“ oder „Cadillac Walk“. Die meisten werden das Latino-Stück „Demasiado Corazon“ kennen. Nun handelte es sich bei Willy bekannterweise nicht um einen Mandolinenkünstler, er hat das Instrument aber immer wieder mal in seine Musik eingebaut, etwa auf „Backstreets Of Desire“. Allerdings nicht auf der LP, die mir von seinen Werken am meisten am Herzen liegt: „Coup de Grace“ von 1981. Am liebsten hätte ich hier „Just Give Me One Good Reason“ als Reverenz-Video reingestellt, ich hab´s aber nicht gefunden. Also muss „Maybe Tomorrow“ herhalten, ebenfalls von Coup de Grace – ein Begriff, der „Gnadenschuss“ bedeutet. Komisches Zusammentreffen angesichts seines Todes.

Musik und die Erinnerungsmaschine

In seinen warmen Worten für den Musiker Guntmar Feuerstein schreibt der Bochumer Kabarettist Jochen Malmsheimer, Träger des Deutschen Kleinkunstpreises, Folgendes – in Anspielung auf seine Kinderzeit und das bisschen Klavierunterricht bei der ältlichen Nachbarin:

Es war aber auch eine besonders schöne Zeit, und das stimmt auch, in der einem Kind eigentlich nichts Schlimmeres als ein Faconschnitt widerfahren konnte und in der es eigentlich nur zwei Arten von Musik gab, nämlich das, was die Eltern hörten und Musik eben. Die das Jahrzehnt und das Leben imprägnierte, so daß ein einzelner, besonderer Akkord reicht, um den Duft von Patschuli und Mate-Tee heraufzubeschwören. Das kann auch Angst machen.

Wahrscheinlich die Angst und das Erschrecken darüber, wie viele Jahre seitdem vergangen sind und wie alt man inzwischen geworden ist. Und dass man ja nun wirklich nicht mehr lange hat. Aber wie heißt es bei Robert Gernhardt über den Biber, der gerade in Pension gegangen ist: „Und in der Zeit, die ihm noch blieb/frönte er dem Lustprinzip.“ Da wollen wir es mit dem Biber halten – sofern immer möglich. Nicht jeder kann sich jetzt alsogleich einen kalten Wasserstrahl über den Puls laufen lassen. Ich schon. Wiedersehen.