Leiermann mit hoher Stimme

Das erste Album von „The Police“, Seite 1, erstes Stück, erste Zeile: „I can´t stand it for another day“, singt ein hörbar erregter Sting bei „Next To You“ ins Mikro. Dazu die abgehackte Gitarre von Andy Summers und das aufgeregte Schlagzeug von Stewart Copeland. Es war die Zeit, als die Musiker der „New Wave“ von konservativen Hörern nicht ernst genommen und als billig abgetan wurden. Bei manchen hält sich bis heute das Gerücht, dass sie mit ihren Instrumenten nicht hätten umgehen können. Hat schon damals nur bei manchen gestimmt. Und heute? Heute gehören einige aus der frühen Zeit zu den anerkannten Größen der Rockmusik: Elvis Costello, Paul Weller und auch Sting.

Obwohl: Rockmusik? Stings Alben erscheinen inzwischen bei der Deutschen Grammophon! Schon das vorletzte Album „Songs From The Labyrinth“ mit Kompositionen von John Dowland war eine Veröffentlichung des renommierten deutschen Klassik-Labels. Die neue CD „If On A Winter´s Night“ setzt die eingeschlagene Linie fort, enthält alte Weihnachtslieder, winterliche Volkslieder, Schlaflieder und Kunstlieder wie den „Leiermann“ aus Schuberts „Winterreise“. Das alles wird geschmackvoll inszeniert, wozu auch Folk-Musiker wie Kathryn Tickell (Fiddle, Pipes) und Julian Sutton (Melodeon) beitragen. Es verkauft sich offenbar – wie zu erwarten war – sehr gut: Die CD landete auf Anhieb auf Rang 6 der Billboard-Top-200 und auf Nummer eins der Klassik-Charts.

Trotzdem bin ich versucht, die Musik zu mögen. Anscheinend besitzt dieses Album die Qualität, eine ergreifende Atmosphäre zu erzeugen. Träumen zu lassen von tief verschneiten Wäldern mit einsamen Hütten, wo die Kamine rauchen. Das einfache Leben. Eine Stimmung wie bei den „Transatlantic Sessions“. Sowas hat mit dem Sting von 1978 natürlich nichts zu tun. Aber muss das gleich Verrat an der alten Sache sein? Auch wenn man´s ihm nicht ansieht: Er wird wie wir alle älter, Prioritäten verschieben sich. Daran kann auch die 2007er-Reunion-Tour von Police nicht rütteln. Auf seinem nächsten Album wird Sting die Mandolinen-Musik des Barock entdecken und die DG endgültig in höhere Umsatzsphären katapultieren. Oder sich in wohlklingende Langeweile verabschieden.

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