Respekt im Theater

Respekt, den wollte er haben. Respekt für den Musikstil Bluegrass, weswegen Klaus Grotelüschen letztlich sein legendäres Festival in Neusüdende ad acta legte. Wie steht es in der neuen Ausgabe des Folker zu lesen:

Aber der Veranstaltungsort war nun einmal ein Landgasthof mit einer ausladenden Theke im Vortragssaal, und das Publikum rekrutierte sich – im etwas peinlichen Gegensatz zu den meisten US-Musikern auf der Bühne – zu einem immer größer werdenden Teil aus bunt kostümierten Cowboys und Cowgirls, die letztlich mehr daran interessiert waren, sich mit ihresgleichen auszutauschen, als grandioser Musik zuzuhören.

Schön formuliert, Kai Engelke. Wer will sich des Eindrucks erwehren, dass ein Teil des Bluegrass-Publikums und der entsprechenden deutschen Szene offenbar mehr an Selbstinszenierung in Westernklamotten interessiert ist als tatsächlich zuzuhören, was da auf der Bühne passiert. Klaus Grotelüschen jedenfalls zog die maximale Konsequenz: Er veranstaltet Bluegrass-Konzerte nur noch in einem Rahmen, der Respekt gegenüber den Künstlern ausdrückt und einfordert: im Oldenburgischen Staatstheater.  Glücklicherweise mit Erfolg. Der kleine Artikel lässt sich im Folker Nr. 6/2010 lesen (wo übrigens auch ein Beitrag über Seth Lakeman zu finden ist). Und wer mag, kann Grotelüschen unterstützen, indem er CDs bei ihm kauft – im Hillbillie Guesthouse.

Darrell spielt, die Engel tanzen

Am 2. November endet in Belfast die Tournee von Robert Plant und seiner Band Of Joy, die im Juli in den USA gestartet war. Zur Begleitband des früheren Sängers von Led Zeppelin gehört auch einer unserer Favoriten: Darrell Scott an der Gitarre und diversen anderen Instrumenten – wie schon auf Plants jüngstem Album, das ebenfalls Band Of Joy heißt. Und Darrells Mandoline prägt gar ein ganzes Stück, nämlich Angel Dance. Da zeigt sich wieder mal, dass sich der kleine Achtsaiter auch im Umfeld bluesiger Rocksongs durchsetzen kann.

Akustische Kraft stärkt Herz und Hirn

Seth Lakeman: Hearts & Minds
(India Records 471084-2)

Kampfgeist, Wut, Trotz: Was wäre das passendste Musikgenre, um diese Gefühle auszudrücken? Punk oder Reggae vielleicht am ehesten. Folk? Wenn er so eingesetzt wird wie von Seth Lakeman – definitiv! Auf seiner aktuellen CD entfaltet der 33-Jährige aus der englischen Grafschaft Devon tatsächlich eine Energie, die ähnlich einst The Clash oder The Ruts transportiert haben. Etwa im Titelstück und Opener des Albums: eine Art Kampfansage an die Macht des Geldes, geprägt von den Erfahrungen der jüngsten Wirtschafts- und Bankenkrise. Die Botschaft des Chorus klingt wie Bob Marleys Aufruf in Get Up, Stand Up, hier allerdings formuliert von einem smarten weißen Engländer: Hold your heads up to the sky/Stand together to survive/With strong hearts and minds. Vorgetragen mit Deutlichkeit und massiver musikalischer Wucht, ein Song, von denen auf Hearts & Minds gleich mehrere zu finden sind, etwa The Watchman und Hard Working Man.

Natürlich wäre das auf Dauer zu viel des Kampfs. So erzählt Lakeman auch weiterhin mythisch anmutende Geschichten, die vor dem inneren Auge englische Landschaften aufscheinen lassen, besonders die seiner Heimat im Südwesten. Dass dabei schöne Balladen wie Spinning Days und Stepping Over You zum Programm gehören, stärkt für den nächsten Energieschub, der bis auf Schlagzeug und Bass von traditionellen Instrumenten geliefert wird: Seths Fiddle, seiner Tenorgitarre, dazu Banjo, Mandoline, Bouzouki – wobei ihm mit Benji Kirkpatrick ein seinerseits fähiger Musiker und Songschreiber zur Seite steht. So also kann akustische Kraft klingen.

Leider enthält das Booklet keine Texte. Immerhin lassen sich die auf Seth Lakemans Website nachlesen. Samples der CD gibt´s beispielsweise hier. Nächste Woche tourt er übrigens durch Deutschland und besucht zwischen dem 2. und 7. November Leipzig, Hamburg, Berlin, Oberhausen, Stuttgart und Köln. Nehmt als Vorgeschmack dies hier, mit Benji an der Mandoline.



Blue Couture für Rocker

Die Formulierung „Tribut zollen“ mutet zunächst mal leicht beängstigend, weil bedrohlich an. Manche zollen aber gern Tribut, jedoch eher im Sinne von „Reverenz erweisen“. So ist auch die Arbeit von Honeywagon zu sehen, einem Trio aus Los Angeles. Die zugegeben wirklich nicht neue Idee, Klassiker anderer Genres ins Bluegrassgewand zu kleiden, setzen sie hoch musikalisch um. Jüngster Streich: die CD Songs From Neverland, auf der sie Michael Jackson huldigen. Eine Menge Kostproben sind per Video auf ihrer Website zu sehen und zu hören. In den vergangenen Jahren haben sie sich außerdem die Musik der Rolling Stones, von Blink 182 und Green Day vorgenommen – wobei sich bei dem Beispiel hier mal wieder deutlich zeigt, welch einprägsame Melodien sich die Punks der x-ten Generation im Lauf der Jahre ausgedacht haben. Wer die Honeywagon-Version hört, kann allerdings nicht auf die Idee kommen, dass When I Come Around jemals anders geklungen haben könnte.

Auf den Zug springen

Um das Rätsel vom Samstag zu lösen: Old School Freight Train und ihre Version von Blondies Heart of Glass – das ist genau das, was eine Cover-Version sein soll: eigenständig, ohne sich vollkommen von der Vorlage zu lösen. Außerdem: Die Mandoline prägt mindestens das Intro. Und dass die Jungs wiederum ganz anders können, zeigt das Video mit dem Stück Henry Brown. Was wäre die US-Literatur und -Musik ohne altmodische Güterzüge.

Hätten Sie´s gewusst?

Leider werde ich das Gefühl nicht los, manchmal hinter dem Mond zu leben. Längst ist etwas passiert, und ich erfahre erst Monate später davon. Weil ich aber die Hoffnung habe, dass es anderen ebenso geht, teile ich hier auch Dinge mit, die nicht mehr brandaktuell sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass seit April dieses Jahres Alan Bangs wieder eine regelmäßige Radiosendung hat. Von dem Lieblings-DJ meines jungen Erwachsenentums habe ich hier ja gelegentlich geschwärmt. Inzwischen muss sich aber niemand mehr allein mit dem Bangs-Archiv begnügen: Jeden Sonntag ab 23 Uhr ist der fast 60-jährige Engländer auf DRadio Wissen zu hören, eine Stunde lang. Einzige Reminiszenz an die Vergangenheit: die Sendung heißt Nightflight, so wie seine berühmte frühere Sendung auf BFBS. Die lief allerdings von Mitternacht bis 2 Uhr morgens – ein echter Nachtflug. Hier geht der Flug eher in die Nacht hinein und nicht durch sie hindurch. Was soll´s. Es gibt ihn wieder, den grenzüberschreitenden Stilmix, und eine Playlist dazu wird auch geliefert.

Vor einiger Zeit war Alan Bangs übrigens auch Gast der Talkshow Drei nach neun von Radio Bremen. Das Video dazu lässt sich hier abrufen. Neben DRadio Wissen bleibt er gelegentlich auch auf Bayern 2 zu hören – für die ganzen Termine gibt es eine eigene Website. Also dann: Heute abend, 23 Uhr, DRadio Wissen. Wer weiß: Vielleicht taucht sogar was Bluegrassiges auf.

Die Festy-Erfahrung

Am 9. und 10. Oktober stieg erstmals das Festy, das Musikfestival, für das die Infamous Stringdusters verantwortlich zeichnen. Entsprechend der Stringdusters-Musik gab es auch hier einen bunten Stilmix: von der Toubab Krewe über Tony Rice bis Old School Freight Train. Die Chefs selbst waren natürlich auch am Start. Wie das Festival gelaufen ist und welche Idee dahintersteckt, erläutert Chris Pandolfi im Interview mit No Depression – und ein Video findet sich dort auch. Und wer auf der Festy-Seite die Bands mal durchklickt, findet vielleicht was Neues und Überraschendes für die Ohren – jedenfalls eher als im deutschen Durchschnittsradio. Ich hab schon was gefunden, aber das verrate ich heute nicht …