Die nächste Generation

Sieh an, sieh an, der junge Kirkpatrick! Den Vater John kennen wir ja seit Jahrzehnten, von Steeleye Span und der Albion Band, oder als musikalischen Partner von Richard Thompson. Aber den Junior Benji?  Er hat allerdings trotz junger Jahre schon viele Spuren hinterlassen, unter anderem in der Band von Seth Lakeman. 2008 erschien sein erstes Album auf Navigator Records – zugegeben nicht mehr ganz taufrisch, was das Datum angeht. Aber die Musik klingt jung und energievoll wie am ersten Tag. Da sind jede Menge Vierchörige aus unserer geliebten Mandolinenfamilie mit am Werk, gern auch die großen Brummer mit den langen Hälsen. Jedenfalls macht das Debüt Lust auf mehr von Benji Kirkpatrick – vielleicht ja 2011? In der Zwischenzeit können wir uns ja mit Bellowhead vergnügen, einer Big Band der etwas anderen Art – aber das wäre nun wieder eine ganz andere Geschichte.


Seth unterstützt Benji – sonst ist es eher umgekehrt.

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Lasst die Becken kreisen

Irgendwo in den Weiten des arte-Programms, unberührt von dauernden Programmtrailern und aufdringlich wiederholten Hinweisen, lief am Heiligen Abend mittags eine Dokumentation von Mika Kaurismäki: Brasileirinho. Sarau – die brasilianische Choro-Musik. Wer zufällig hereingeraten ist, durfte seine Freude haben: an unglaublich vitalen Klängen voller Melodien und Rhythmus – und an einer Menge Zwergengitarren. Das Bandolim in seiner natürlichen Umgebung. Auch als Begleitinstrument für Tanzmusik, in Gesellschaft fetter Bläser und rasanter Perkussion. Wie das dann aber so ist: Eine Wiederholung des Films auf arte ist nicht geplant. Und als Video-on-demand nicht verfügbar. Also Pech gehabt. Hilft nur noch, sich eine DVD des Films zu besorgen. Für ein Weihnachtsgeschenk zu spät, aber fürs restliche Leben noch gerade früh genug. Und das Interview zum Film mit Kaurismäki zu lesen.

In Stimmung

S´ist Weihnachten, und die ganze Mandolinenfamilie kommt zusammen, einmal im Jahr, um gemeinsam zu musizieren: die dicken, schlanken, schönen Mandolinen, die Bandolims, die Resonatormandos, die Oktavmandolinen und Bouzoukis, selbst die Banjolins sind dabei! Was für ein herrliches Bild unterm Christbaum! Alle haben sie frische Saiten aufgezogen, die Bundstäbchen poliert und ihr Holz- oder Metallkleid gewienert! Ui, welch ein Glänzen und Gleißen! Und dann, als alle genügend musiziert und sich gegenseitig gelobt haben, hängt sich die Gemeinde vor den Computer und lässt sich noch tiefer in Stimmung bringen – durch sowas wie hier. Schönes Fest!

Nachher ist vorher

Erst wenn das letzte Konzert gespielt, das letzte Catering serviert und der letzte US-Amerikaner sein Flugzeug bestiegen hat, dann ist es wirklich vorbei, das Bluegrass Jamboree 2010 – so geschehen am vergangenen Wochenende. In diesem Jahr wurde es aufgrund der Witterung zum Snowgrass Jamboree: ohne allerdings ein übles Loch im Budget zu hinterlassen. An den Abendkassen war zwar der Umsatz geringer als erwartet, dafür lief der Vorverkauf besser als im vorigen Jahr. Promoter Rainer Zellner von Music Contact zieht trotz manchmal widriger Umstände eine positive Bilanz. Er spricht von durchweg großer Begeisterung – bei Publikum und Musikern gleichermaßen. Die Künstler aus den USA genossen offenbar den Umstand, bestens versorgt zu werden, so wie echte Stars eben. „Für alle war es eine ‚Lifetime Experience'“, bekräftigt Rainer Zellner. Das kann ja nur hilfreich sein, wenn sie zu Hause das Jamboree loben: könnte auch mal der Türöffner sein, um die ein oder andere Band nach Europa zu locken.

Und weil nach dem Jamboree vor dem Jamboree ist, stehen für den Dezember 2011 bereits zwei Namen im Raum, nein, nicht Hank Snow (tot) und auch nicht Snowy White (Rocker), sondern: die Deadly Gentlemen und Della Mae – da gibt´s für die Herren wieder was zu gucken, aber vor allem zu hören. Auf jeden Fall hält Rainer Zellner an der Mischung aus drei Bands fest, die eben nicht dreimal Hardcore-Bluegrass liefern. „Die Mischform Bluegrass setzt sich aus vielen Stilrichtungen zusammen, und die möchte ich beim Jamboree in guter Qualität präsentieren“, lautet sein Credo. Und weil´s die Mischung macht, holte jetzt nicht nur Michael Cleveland die Leute von den Stühlen, sondern auch die rotzigen Shotgun Party sorgten für Begeisterung und positive Überraschung. „Die waren wirklich umwerfend“, urteilt der Promoter. Und was sagt die Großstadtpresse? Eine Stimme, der Berliner Tagesspiegel, lässt sich hier vernehmen.

Im Übrigen tourt bereits Ende Januar/Anfang Februar 2011 der nächste Knaller durchs Land: Joy Kills Sorrow. Wer immer aus der Mandolinen-Fraktion Gelegenheit dazu hat, muss hin: Mando-Spieler Jacob Jolliff ist eine echte Granate, wie auch hier schon zu lesen war. Vielleicht hat bis dahin Bill Monroe turnusmäßig die Rolle des Wettergotts inne und sorgt für freie Straßen.

Soul im Organ

Ja ja, ich geb´s ja zu: Seit Chris Stapleton die Steeldrivers verlassen hat, bin ich recht nachlässig mit der Band umgegangen. Und das sehr zu unrecht. Denn Nachfolger Gary Nichols hat im Grunde genauso viel Soul in der Stimme wie der gute Chris. Was einige MP3s beweisen, die in voller Länge zum Anhören bereitstehen. Und die Qualität der Songs bleibt hoch wie zu den Tagen ihres Debüts. Was sie auch live beweisen:

Heilige Stimmung

Ein Präsident Lukaschenko müsste man manchmal sein. Dann könnte man zum Beispiel weihnachtliche Popmusik verbieten. Oder zumindest deren dauernde Verbreitung. Es wäre einem möglich, diesen Klängen begrenzte Sendeplätze zuzuweisen, etwa montagsnachts von 1 bis 3 Uhr. Aber so machtlos, wie wir kleinen Würmchen nun mal sind? Schön aber ist der Lukaschenko-Traum: Wäre ich ein solch mächtiger Präsident wie der Weißrusse, es wäre mir gleich, ob in der Weihnachtszeit verbreitete Musik tatsächlich Weihnachtsmusik wäre – Hauptsache, sie brächte mich in eine heilige Stimmung. Ich könnte beispielsweise verfügen, dass in den Kaufhäusern Musik des schwedischen Musikers Ale Möller und des schottischen Geigers Aly Bain gespielt würde. Deren CD Beyond The Stacks brächte die Menschen jedenfalls mal in eine schöne Stimmung. Und unsereiner kann sich zusätzlich noch dran erfreuen, was Möller da an der Bouzouki resp. Oktavmandoline veranstaltet. Falls es aber doch was Traditionelles sein muss, dann bitte eher so:

Die Dramaturgie des ersten Songs

Es ist eine Kunst für sich, die Reihenfolge festzulegen, in der Songs auf CD gebannt werden. Das gilt für die silbernen Bierdeckel tatsächlich noch mehr als für eine LP früher – da war eine Seite in der Regel nach 20 Minuten zu Ende, und auf der B-Seite ging´s wieder von Neuem los. So mussten nur jeweils fünf bis sechs Stücke geschickt positioniert werden. Aber die Dramaturgie einer CD mit vielleicht 50 Minuten Länge und 15 Tracks? Da muss schon was kommen, will man nicht die Scheibe nach der Hälfte ermüdet stoppen. Und natürlich kann es für die CD nur einen Opener geben, während es früher zwei Songs waren, die automatisch schonmal Aufmerksamkeit bekamen.

Auf ihren bisherigen drei Studio-Alben haben es die Infamous Stringdusters immer geschafft, erstklassige Opener auszuwählen: No More To Leave You Behind vom Debut Fork In The Road, dann Won´t Be Coming Back und auf ihrer jüngsten CD Things That Fly das Stück You Can´t Stop The Changes: einprägsame Fiddle-Hook, leicht bluesiges Grundgefühl und dann dieser völlig unerwartbare, schwebende Einschub am Ende des zweiten Songdrittels – das lässt sich hören. Auch live, siehe unten.