Blaulicht bei Pandolfis Rede

Während sich Adam Steffey bei den diesjährigen IBMA-Awards in Nashville wieder einmal den Titel Mandolin Player of the Year geholt hat und die CD Help My Brother der Gibson Brothers als Album of the Year ausgezeichnet wurde, zog sich offenbar ein Diskussionsthema durch die gesamte IBMA-Woche: die Frage, was noch Bluegrass ist und was nicht. Also der Kasus, wann die Bluegrass-Polizei auf den Plan tritt und wann sie ruhig bleibt. Und in den USA gibt es eine deutlich militantere Bluegrass-Polizei als in Europa. Die Traditionalisten und Hüter von Monroes Vermächtnis wittern schnell Ausverkauf und Verrat, wenn etwas neben der gewohnten Spur verläuft. Diese Erfahrung hat in diesem Jahr Chris Pandolfi gemacht, Banjo-Spieler der Infamous Stringdusters. Im April hatte er in seinem Blog einen Text über Gegenwart und Zukunft des Bluegrass und, damit einhergehend, der IBMA geschrieben. Die Quintessenz daraus lautet unter anderem, den Begriff Bluegrass deutlich auszuweiten und zu öffnen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Bluegrass im gewohnten Sinne scheint selbst in den USA nur noch ein Nischengenre zu sein, deren Anhänger langsam wegsterben. Der neuen Roots-basierten akustischen Musik, wie sie am Berklee College of Music in Boston gelehrt wird, prophezeite er dagegen eine fruchtbare Zukunft.

Pandolfi erhielt viel Zuspruch, aber auch eine Menge Gegenwind. Jetzt bekam er von der IBMA Gelegenheit, ein Impulsreferat zu halten und seine Thesen zu erläutern. Die komplette Rede lässt sich hier anschauen. Die Stringdusters nennen sich nicht Bluegrass Band, fühlen sich aber als solche. Die Resonanz auf die Rede ließ nicht lange auf sich warten und geriet verständlicherweise widersprüchlich. Aber es scheint so, dass auch Traditionalisten, die über den Tellerrand hinausschauen, erkennen, dass im großen Bluegrass-Zelt Platz für viele sein muss. David Morris von Bluegrass Today würdigte die Rede Chris Pandolfis als eine, auf die man zurückblicken wird als einen Schlüsselmoment für die Zukunft des Genres. Und er überschreibt den Beitrag – nach den Wortgefechten im Vorfeld – mit der auch für Deutschland passenden Überschrift: Quit Fighting, Start Playing. Glaubenskämpfe sind so ermüdend.

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