Reiche Ernte

Matt Flinner Trio: Winter Harvest (Compass Records COM 4569)

Viele Mandolinenspieler können´s auch auf der Fiddle. Nicht wenige Banjokünstler beherrschen auch die Resonatorgitarre. Es gibt aber ebenso Überkreuz-Begabungen – wie Matt Flinner. In einem Jahr hat er den nationalen Banjowettbewerb in Winfield, Kansas, gewonnen, im Jahr darauf den Contest der Mandolinisten. Inzwischen verbinden ihn die meisten allerdings mit der Mando, die er auf hohem Niveau spielt. Da bildet sein neues Album keine Ausnahme. Allerdings drängt er sich nicht mit Gewalt in den Vordergrund. Zwar prägt die Mandoline die meisten der 15 Tracks, allerdings ohne eine Dominanz zu entfalten, die Gitarre und Kontrabass erdrücken würde. Im Gegenteil: Flinners Kollegen Ross Martin an der Gitarre und Eric Thorin am Bass besitzen eine Menge Freiräume, etwa in The Stumbling Bro, einem Jazzblues als Soundtrack eines Betrunkenen, der irgendwas umwirft und dennoch unverdrossen weiterwankt. Da gehören schräge Töne selbstverständlich dazu, wie das Trio überhaupt weit entfernt von ausschließlicher Schönklingerei agiert. Natürlich gibt es eine Menge lyrischer Passagen, auf der anderen Seite aber auch knackige Breaks und schräge Soundideen. Es darf auch mal heftiger tönen.

Ob es um einen furiosen Opener wie Raji´s Romp geht, der mit seinen Stimmungs- und Tempiwechseln glänzt, oder einen romantisch-melancholischen Walzer der Marke Bitterroot: Das Matt Flinner Trio spielt immer auf den Punkt. Und die Kompositionen der drei Musiker decken viele Farben ab – mit dem Ergebnis einer gut durchhörbaren Sammlung instrumentaler Kompositionen zwischen Jazz, neuer akustischer Musik und Americana-Wurzeln. Auf keinen Fall handelt es sich hier um Spezialmusik für die Mandolinengemeinde; wer etwa von der Gitarre kommt und Pat Metheny mag, wird auch diese Platte goutieren. Matt Flinners Winterweizen ernten wir gern – ohne Einschränkung. Die CD erscheint übrigens morgen, und wer eine anfassbare Kopie kauft, wird im Vergleich zum digitalen Download mit drei Bonus-Tracks belohnt. Und, nicht zu vergessen: mit einem schönen Cover. Kostproben gibt´s bei Compass Records.

Musik zum Tee

Tatsächlich steckt im Mix des Stücks eine Mandoline – zugegebenermaßen sehr geschickt eingeflochten. Aber im Video zu Long Long Time von Des Horsfall sieht man doch deutlich Katriona Gilmore an ihrer Mando werkeln. Selbst wenn sie nur so täte als ob, würde ich das Filmchen hier zeigen; so oft sind junge Frauen an Mandolinen ja nicht zu sehen. Des Horsfall kommt aus der englischen Grafschaft Yorkshire, der Song aus seinem Album The Good Gentleman´s Tonic, auf dem er Ronnie Lane, dem früheren Bassisten der Small Faces, musikalisch huldigt. Und da spielt außer anderen akustischen Instrumenten auch die Mandoline eine Rolle. Das Album klingt sehr vertraut nach Folkrock aus den Siebzigern, mit analogem Equipment aufgenommen. Geht runter wie guter Yorkshire-Tee.

Bluegrass auf Norwegisch

Manchmal wäre ich gern Gabriele Haefs. Die in Hamburg lebende Schriftstellerin und Übersetzerin hat unter anderem Jostein Gaarders Bestseller Sofies Welt ins Deutsche übertragen (wer erinnert sich?). Sie ist des Norwegischen also mehr als mächtig. Und immer öfter würde ich das auch gern von mir sagen können. Dann wäre es bestimmt viel leichter, mit den Katzenjammer-Damen zu sprechen oder mit Marit Larsen zu flirten oder aber die Texte von Onkel Tuka zu verstehen. Diese Band hat nämlich jetzt eine hohe Auszeichnung erhalten: den Spellemannspris, sowas wie der norwegische Grammy. Und wofür? Für Bluegrassmusik mit Texten in ihrer Muttersprache! In Deutschland nahezu undenkbar. Es gab mal ein paar eher weniger geglückte Versuche, die schnell ins Schlagerhafte absackten. Aber vielleicht sind die Texte vom Onkel Tuka ja auch schlagerhaft. Ich weiß es eben nicht. Ich heiße eben nicht Gabriele Haefs.

Nochmal nach draußen

Von Balkonwetter kann man ja heute nicht gerade sprechen. Aber als Mumford & Sons sich in Dublin nach draußen gestellt haben, war das Wetter deutlich besser. Die Performance – naja, so ganz lässt sich anhand dieses Clips die Begeisterung für die vier Engländer nicht nachvollziehen. Immerhin spielt eine Mando mit, wenn auch eine offenbar recht günstige. Das Banjolin dürfen wir aber auch nicht vergessen, es sieht mindestens scharf aus mit seinem F-Mandolinen-Kopf. Eine schöne Optik kann auch entzücken.

Musikalisches Fensterln mächtiger Eichen

Sie haben es beim Fensterln bis auf den Balkon über der Reeperbahn geschafft: die Mighty Oaks. Dann können sie ja gleich die Gelegenheit wahrnehmen, auch ein Lied zu spielen. Es scheint sich eher um ein Bandprojekt zu handeln denn um eine feste Formation. Wie auch immer. Das Hamburger Balcony TV bringt jedenfalls immer wieder akustisch spielende Künstler in die Öffentlichkeit der Youtube-Sphäre. Und immerhin: Da wird ne Breedlove-Mando einfach mal so zum Strumming angeschafft?! Das gehört gelobt! Ein Pluspunkt im Kampf um seriöses Mandolinentum. Das ist kein Spielzeuginstrument!

Dreh den Klauder ma lauder

Nein, zum Donner, wie oft soll ich es denn noch sagen! Der Mann heißt nicht Volker Kauder, sondern Caleb Klauder! Das kann doch nicht so schwer zu begreifen sein. Vor allem dann nicht, wenn man sich anschaut, was Caleb Klauder so treibt. Der Mann aus Portland, Oregon, spielt Musik, die zwar auf eine Weise altmodisch anmutet, aber doch frisch und zeitgemäß rüberkommt. Dabei bewegt er sich zwischen verschiedenen Polen wie ursprünglicher Country Music, Old Time und Bluegrass. Insgesamt wirkt er wie jemand, der Hank Williams und Bill Monroe verinnerlicht hat, aber seinen eigenen kontemporären Senf dazu gibt. Caleb betreibt mehrere Bandprojekte und ist auch unter namhaften Kollegen geschätzt. So eröffnete er Konzerte von Künstlern wie JJ Cale, Iris Dement und der Del McCoury Band, stand auf der Bühne mit Leuten wie Tim O’Brien und Justin Townes Earl, mit dem er regelmäßig zusammenarbeitet. Auch in Europa hat er bereits seine Duftmarke hinterlassen, spielte etwa beim Tønder Festival in Dänemark. Und wer weiß: Vielleicht führt ihn sein Weg bald mal wieder in die alte Welt. Aber bitte vor dem 21.12., denn danach geht ja bekanntlich nichts mehr. Also wegen Weltuntergang und so.

Blick 2012 #6: Danach ist davor

Zwar ist es im Prinzip gerade erst zuende gegangen, aber das nächste – das vierte – Bluegrass Jamboree kündigt sich bereits an. Und zwar mit einer guten Nachricht für diejenigen, die Bluegrass am liebsten dann mögen, wenn er einen poppigen Einschlag hat. Denn eine der drei Bands des nächsten Jamboree wird Bearfoot sein! Die Formation aus Nashville ist vergangenes Jahr mit drei neuen Bandmitgliedern auffällig geworden – und ihrem im September veröffentlichten Album American Story, ihr zweites auf Alison Browns Label Compass Records. Bearfoot beherrschen ein Songwriting mit Ohrwurm-Qualitäten, etwa was das hier kürzlich vorgestellte Stück Tell Me A Story angeht oder auch die älteren Before I Go oder Oh My Love. Ich vermute mal, dass sie als zweite Band der Abende im Dezember 2012 an den Start gehen werden.

Die Reaktionen von Publikum und Veranstaltern beim vergangenen Jamboree waren enthusiastisch, berichtet Promoter Rainer Zellner, der sich recht zufrieden mit der Resonanz insgesamt zeigt. Allerdings hofft er auf weiter steigende Zuschauerzahlen in diesem Jahr. Und darauf, dass Bluegrass noch mehr als bisher von deutschen Medien als eigenständiges Genre ernst genommen wird und weg kommt vom Image als Trallala- und Spielzeug-Musik. Tatsächlich taucht Bluegrassiges beispielsweise im deutschen Fernsehen hauptsächlich als Untermalung von Komödiantischem oder Kindersendungen auf. Aber Rainer hat eine Mission zu erfüllen und treibt das Jamboree und damit die Kenntnis von Bluegrass in Deutschland voran. Auch die übrigen Bands in der Pipeline fürs nächste Festival haben es in sich, stehen aber noch nicht hundertprozentig fest. Mehr davon dann hier. Jetzt aber erstmal Bearfoot genießen!