Blick 2012 #6: Danach ist davor

Zwar ist es im Prinzip gerade erst zuende gegangen, aber das nächste – das vierte – Bluegrass Jamboree kündigt sich bereits an. Und zwar mit einer guten Nachricht für diejenigen, die Bluegrass am liebsten dann mögen, wenn er einen poppigen Einschlag hat. Denn eine der drei Bands des nächsten Jamboree wird Bearfoot sein! Die Formation aus Nashville ist vergangenes Jahr mit drei neuen Bandmitgliedern auffällig geworden – und ihrem im September veröffentlichten Album American Story, ihr zweites auf Alison Browns Label Compass Records. Bearfoot beherrschen ein Songwriting mit Ohrwurm-Qualitäten, etwa was das hier kürzlich vorgestellte Stück Tell Me A Story angeht oder auch die älteren Before I Go oder Oh My Love. Ich vermute mal, dass sie als zweite Band der Abende im Dezember 2012 an den Start gehen werden.

Die Reaktionen von Publikum und Veranstaltern beim vergangenen Jamboree waren enthusiastisch, berichtet Promoter Rainer Zellner, der sich recht zufrieden mit der Resonanz insgesamt zeigt. Allerdings hofft er auf weiter steigende Zuschauerzahlen in diesem Jahr. Und darauf, dass Bluegrass noch mehr als bisher von deutschen Medien als eigenständiges Genre ernst genommen wird und weg kommt vom Image als Trallala- und Spielzeug-Musik. Tatsächlich taucht Bluegrassiges beispielsweise im deutschen Fernsehen hauptsächlich als Untermalung von Komödiantischem oder Kindersendungen auf. Aber Rainer hat eine Mission zu erfüllen und treibt das Jamboree und damit die Kenntnis von Bluegrass in Deutschland voran. Auch die übrigen Bands in der Pipeline fürs nächste Festival haben es in sich, stehen aber noch nicht hundertprozentig fest. Mehr davon dann hier. Jetzt aber erstmal Bearfoot genießen!

7 Gedanken zu „Blick 2012 #6: Danach ist davor

  1. Tja, das ist echt nur noch Popmusik auf akustischen Instrumenten. Alles, was Bluegrass oder Newgrass usw. ausmacht, fehlt leider. Und die Kameraführung bei dem Video kann man nur als ätzend bezeichnen. Lieber Gott (oder wer sonst dafür zuständig ist), lass nicht zu, dass der Bluegrassmusik das gleiche Schicksal widerfährt, wie der Folkmusik der 70er und 80er Jahre: Verdrängung und Vernichtung durch immer mehr Fusion. Ein langfristig treues Publikum ist für Musik wie die oben vorgestellte nicht zu erwarten, denn der nächste Modetrend steht bestimmt schon vor der Tür, und dann ist akustische Popmusik (die aufgrund der Instrumentenauswahl entfernt an Bluegrass erinnert) wieder out. Für unsere Musik brauchen wir Zuhörer, die Fans sind, weil es Bluegrass mit den typischen Elementen ist.

  2. Dieter, das stimmt bei diesem Titel natürlich und Bearfoot würde sich auch nicht als Bluegrass Band bezeichnen. Am ehesten kann man die Band wohl in ihren Live Videos beurteilen, da geht es von Gospel über Oldtime bis Uptempo Stücken, denen zum Bluegrass nur das Banjo fehlt. Schicke dir gerne ein paar Links.

    Bluegrass wird nie aussterben, schließlich ist es eine Musik die man meist nicht aus kommerziellen Erwägungen spielt, und warum sollte man die Freude sonst dran verlieren? Dass Bluegrass in den USA gewachsen ist liegt daran, dass er eben nicht mehr Hardcore gespielt wird, jede Zeit hat „ihren“ Bluegrass. Alison Krauss hat Bluegrass „schlafzimmerfähig“ gemacht…Chris Thiele wildert in weit abgelegenen Terrains, Bands wie die Stringdusters spielen auf Jambandfestivals.

    Schlimmer und todbringender finde ich allerdings die Masse an gleichklingenden glatten Bands in den USA, dene jede Innovation und Kantigkeit abhanden gekommen ist. Oder was ist mit den „Gimmick“ Bands die deswegen Erfolg haben, wenn sie Pop Cover nachspielen? DAS finde ich am schlimmsten-selbst wenn sie es gut machen, wie Hqayseed Dixie etwa.

    Letztendlich führt alles wieder zurück zu den „Vätern“ der 50er Jahre, dies ist und bleibt die Basis für alle Variationen und Entwicklungen. Aber außer den Amateuren spielt ja kaum einer diesen Sound noch.

  3. Ich stimme zu, natürlich kann man (auch in der Musik) nicht immer auf einem Stand stehen bleiben. Und mal ehrlich: wer will denn spielen wie Bill Monroe? Und viele Musiker sind heute auch technisch um Welten besser als die „Väter“! Aber um bei mir (und hoffentlich auch bei vielen anderen Fans) als Bluegrass durchzugehen, muss das Popmusik-Bügeleisen weg. Da braucht es vor allem mehrstimmigen Gesang und Instrumenten-Soli mit Improvisation. Das muss „rauh“ klingen, nicht glatt. Am Ende muss man das Gefühl haben: Die machen was anderes als Pop- oder Rockmusiker. Die sind eigenständig.

    Manche Entwicklungen finde ich gut: Die Stringdusters z.B.. Chris Thile, naja, oft ein bißchen sehr weit weg. Alison Krauss: ohne Mando geht ja gar nicht (hahaha!).

    Kann es sein, dass derzeit viele Musiker auf den „Bluegrasstrain“ aufspringen, weil er so gut läuft, ohne sich wirklich mit der Musik und mit den technischen Anforderungen beschäftigt zu haben?

  4. Es tut mir leid, ich kann mich nicht mehr zurück halten! Wenn ich diesen Unsinn lese, könnte ich echt spucken. Ich finde nicht Bearfoot und die Kameraführung ätzend, sondern manchen Kommentar!

    Musik wird durch eine größere Auswahl an Akkorden nicht weniger Bluegrass und vor allem: Deswegen nicht schlechter oder glatter!!! Genau das Gegenteil, von dem was hier propagiert werden soll, ist der Fall: Erst durch diese neue Form und durch den Mut, auch einmal verminderte Akkorde einzusetzen und neben A, D, und E-Dur vielleicht noch zwei weitere harmonische Varianten zu spielen, hat sich der Bluegrass einem neuen Publikum geöffnet. Das hat nichts mit „weichgespült“ oder Verrat an der Kunst zu tun, sondern damit, was auch Bill Monroe Spaß machte: Entwicklung!

    Ausgerechnet der Vater des Bluegrass hätte sich ein Loch in den Bauch gefreut zu sehen und zu hören, was heute aus seiner Musik geworden ist und dass junge Leute die modernen Einflüsse anderer Musikstile in seine Musik einbringen. Er hätte es geliebt und all jene verdammt, die nur die ständige Repetierung eines angeblichen Credos dieser im Ursprung sehr experimentierfreudigen Musik predigen. Ich kann das Gejammer nicht mehr hören. Es ist niemand gezwungen Bands wie The Punch Brothers, Crooked Still oder Joy Kills Sorrow zu hören. Zum Glück ist aber auch niemand gezwungen dem als so wunderbar „rauh“ und „archaischen“ geltenden Sound diverser, absolut egal klingender Standard-Bluegrass-Combos zu lauschen. Gäbe es nur Bands im Stile eines Doyle Lawson, J.D. Crowe, Rhonda Vincent oder auch Michael Cleveland, dann wäre Bluegrass vermutlich vom Aussterben bedroht – ganz sicher außerhalb der USA. Und ich betone ausdrücklich, dass die vorangegangene Aufzählung nicht der Wertung dient – alles großartige Bands und Musiker die auch ich sehr schätze! Es ist jedoch eine Tatsache, dass nicht nur mir der Bluegrass eindeutig zu dröge und zu beliebig wäre, wenn alle dem angeblich so „urtümlich & authentischen“ Sound und den technischen Voraussetzungen des Bluegrass nacheifern und darüber das Voranschreiten vergessen würden.

    Warum können manche Leute nicht endlich aufwachen und vor allem damit aufhören, den Untergang des Bluegrass-Abendlandes zu prophezeien nur weil junge Bands mit dieser Stilistik experimentieren? Kein Mitglied der Stringdusters oder Nickel Creek würde jemals in Zweifel ziehen, welch außergewöhnliche Kunstform der Bluegrass ist und wie großartig all die Urväter dieser Musik waren und sind. Nur die Ewiggestrigen jöhmeln ständig, dass junge Ausnahmemusiker – genau wie Bill Monroe es einmal war – eine der bedeutendsten Kunstformen der USA vorantreiben – ohne Berührungsängste, ohne Vorbehalte und vor allem mit großem Wagemut und Können.

    Zustimmen kann ich in puncto „Alison Krauss ohne Mandoline“ und vor allem ohne Banjo. Die Dame hat eine begnadete, engelsgleiche Stimme, doch der Verzicht auf diese elementaren Instrumente und Bestandteile des Bluegrass, lässt ihre Musik für mich zur Fahrstuhlberieselung verkommen – für mich, wohlgemerkt! Zum Glück bin ich aber auch da nicht gezwungen zuzuhören, und aufregen werde ich mich nicht darüber, dass Ron Block nun lieber Gitarre und Blockflöte spielt. Zum Glück gibt es ja die Punch Brothers, The Deadly Gentlemen, Sarah Jarosz, The Punch Brothers……, hatte ich die schon??

    Hört endlich auf zu jammern, es wird peinlich! Und bitte…, kein Schlagzeug – das ist echt überflüssig!

  5. Da habe ich ja eine Diskussion angestoßen. Freut mich!

    Dass Übervater Bill am Experimentieren mit seiner Musik Spaß gehabt hat oder hätte, wage ich zu bezweifeln.

    Dass es Neuerungen geben muss, verstehe ich. Hatte ich oben auch versucht zum Ausdruck zu bringen.

    Dass Du beim Bluegrass das Schlagzeug ablehnst, freut mich.

    Dass Du Wert legst auf die wesentlichen Elemente wie die Instrumentierung, damit Du die Mucke als Bluegrass bezeichnest, da sind wir uns einig.

    Dass ich die Gründer und die ganz Traditionellen nur selten oder gar nicht höre, ist mal sicher. Monroes Mandolinespiel oder sein schiefer Gesang (Entschuldigung: high lonesome) oder Jimmy Martins Getue sind mehr als selten zu Gast bei mir.

    Dass die Musiker heute auf einem ganz anderen Niveau sind, ist unbetritten (wenn die nicht oft so weit abdriften würden, dass ich mir das nicht mehr anhören kann oder möchte, gell Chris?).

    Dass wir verminderte Akkorde bräuchten, damit unsere Musik interessant bleibt, halte ich für unwahrscheinlich (da würde ja jeder irgendwann Jazzmusik hören).

    Dass gerade die von Dir genannten Bands (Doyle Lawson, J.D. Crowe, Rhonda Vincent oder auch Michael Cleveland), die relativ geraden Bluegrass spielen, derzeit große Nummern sind, widerspricht eigentlich dem, was Du oben sagst.

    Dass unsere Musik nur unsere Musik bleibt, wenn sie „einfach“ bleibt, damit wir als aktive Musiker uns vorstellen können, wie ein Song oder ein Tune geht, ist enorm wichtig. Denn das spontane Zusammenspiel (Stichwort: Jamsession) ist ein Haupt-Bestandteil der Szene und hält sie zusammen.

    Dass Du Dich so aufregst, obwohl Du Dich gar nicht aufregen willst, ist amüsant.

    Dass wir alle daran arbeiten (und das heißt auch offen diskutieren) müssen, dass das Feuer weiter brennt und nicht in ein paar Jahren verglimmt, ist das Wesentliche. Die Frage bleibt: Welchen Brennstoff wirft man ins Feuer? Und dazu hatte ich oben versucht, meine Meinung zu äußern.

  6. Hallöle….., ich finde nicht, dass der Erfolg von z. B. Rhonda Vincent meiner eigenen Aussage widerspricht. Im Gegenteil, spiegelt er genau das wider, worum es geht. Rhonda Vincent hat in den USA riesigen Erfolg – nicht in Deutschland. Ist Sie doch fern vom Status populärer Musik oder auch einer Alison Krauss. Und ihre Fans wollen eben genau wie Du, diesen hervorragend gespielten doch stets konformen, gleichklingenden und auf Dauer langweiligen Bluegrass hören. Damit erreicht man aber nur die Hardcore-Fans und kein breites Publikum, dass diese unter Umständen facettenreich gespielte Musik verdient hätte. Es kann doch allen Bluegrass-Interessierten nur entgegenkommen, wenn „Grenzgänger“ dieser Musik mehr Beachtung verschaffen?! Denn tatsächlich finden sich unter den Millionen von Zuhörern der Dixie Chicks oder Bearfoot auch sehr viele, die dann den traditionellen Bluegrass kennen lernen und schätzen. Mission erfüllt.

  7. Wenn das dann so herum funktionieren würde. Ich bezweifel das. Ich hole mal weiter aus. Unsere Medien (Radio, Fernsehen) haben uns alle ja voll im Griff. Da dudelt die ganzen Tag der gleiche MIst. Die haben den Geschmack der Bevölkerung über Jahre in eine Richtung geformt. Als ob es keine anderen Musikarten gäbe. Und ich meine wahrhaftig nicht nur Bluegrass. Unsere Ohren sind konditioniert auf Hüpf-Dohlen-Boygroup-Gejaul-Popmusik. Da steckt tief drin. Wenn man jetzt den Weg geht, Pop-Musik-Bluegrass als Köder zu verwenden, dann bleibt die Meinung, so müsse Bluegrass klingen, man ist ja an die Struktur von Popmusik über Jahre gewöhnt worden. Das kann ja gut ankommen, bis der Modetrend vorbei ist. Bis dahin haben die Bands vielleicht auch Geld verdient. Aber an Bluegrass ist der Normalbürger immernoch nicht herangeführt.

    Und nochmal: Ich bin nicht gegen Neuerungen. Die Stringdusters machen zum Beispiel Musik, die gut als Bluegrass zu bezeichnen ist. Die Grundlagen sind deutlich zu erkennen. Die wissen, wie Improvisation gehn, wie man Fiddletunes spielt, usw. Ich glaube, für mich ist die wichtigste Frage, wenn es um neue Bands und die Einordnung als Bluegrass geht: Haben die sich mit den Grundlagen beschäftigt und könnten die spontan auf einem „Parkinglot“ in eine Session einsteigen?

    Ich hoffe meine Ausführungen sind nicht zu weit hergeholt. Nix für ungut… Let Bluegrass rule…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s