Hingehen und staunen

Die Instrumente sind aus Holz, und sie sind heilig, sagt Chris Thile, spricht´s und lässt seine Loar ausgestöpselt. Wie auch alle anderen Punch Brothers unverkabelt nach vorn an den Bühnenrand kommen und mit der Bemerkung Let´s try it ihre Zugaben komplett unverstärkt am Montagabend in den ranzigen Kölner MTC-Club hineinspielen. Die Decke niedrig, die Bühne entsprechend, stehen sie direkt vor einem und geben Whiskey Before Breakfast und Moonshiner, und in dem Club, in dem sonst fast nur Bösejungsmittattoos-Bands zu spielen scheinen, herrscht absolute Stille. Versuch geglückt. Menschen beglückt. Es gibt Chris Thile wirklich, und er spielt auch tatsächlich so, wie´s sich auf Konserven anhört. Und das gilt natürlich für alle anderen Mitglieder der Band auch: Gabe Witcher an der Fiddle, Noam Pikelny am Banjo, Chris Eldridge an der Gitarre und Paul Kowert am Bass – eine unglaubliche Ansammlung von Virtuosität gepaart mit musikalischem Geschmack.

Sie zeigen an diesem Abend in dem Rockschuppen ihr gesamtes Können, von traditionellem Bluegrass bis hin zu völlig frei scheinenden lärmenden Improvisationen, dass man meint, gleich müsste Peter Brötzmann aus einer Ecke gesprungen kommen und das atonale Seinige beitragen. Stattdessen mündet die Klangorgie in Wayside vom How To Grow A Woman-Album, von dem noch manches im Programm ist, etwa die Jodel-Nummer Brakeman´s Blues von Jimmie Rodgers. In vorderster Linie stehen aber die Songs der beiden jüngsten Punch-Brothers-Veröffentlichungen, etwa This Girl von Who´s Feeling Young Now. Da taucht dann der Eindruck auf, sich auf einem Konzert einer Popband zu befinden – denn This Girl findet wie Wayside jede Menge mitsingende Menschen, darunter eine Reihe junger Mädchen, die mit Bluegrass garantiert nix am Hut haben.

Kommen sie wegen Chris Thile, dem charmanten Conferencier des Abends? Oder wegen Noam Pikelnys tiefer Onkelstimme? Oder wollen sie einfach nur großartige Musik hören? Chris Thile wirkt manchmal bewegungstechnisch wie ein Joe Cocker mit Mando, windet sich beim Solieren, zuckt, ruckt, schwankt und schwenkt zu einem Mitmusiker, begibt sich mit ihm in musikalische Zwiesprache und dann zurück ans Mikro – an dem er sich ebenfalls nicht die Spur einer Blöße gibt. Am Ende steht selige Verzückung, die Erkenntnis, dass es sich sie wirklich real gibt, diese fünf Menschen, die trotzdem von einem anderen Stern zu kommen scheinen. Hamburger, Berliner: Noch habt Ihr die Chance, die Punch Brothers zu sehen. Geht hin und staunt.


Zwiegespräch: Chrisses unter sich (Foto: Felix Eichert)

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