Lauschen im Herbst

Vielleicht gibt es jemanden, der wissen möchte, wer hinter dem Bluegrass Jamboree steckt, das derzeit durch deutsche Lande zieht? Es handelt sich um den Tübinger Musikpromoter Rainer Zellner und seine Agentur Music Contact. Im hessischen Hörfunk hat er im vergangenen Sommer über sich und seine Arbeit erzählt – der Beitrag liegt zum Nachlauschen bereit unter diesem Link. Da geht´s dann nicht nur um Bluegrass, sondern auch um die anderen Musikrichtungen, die Rainer am Zellner, äh am Herzen liegen. Radiosachen im Herbst hören: herrlich!

Held mit vielen Helden

2009 erhielt er den Titel Mandolinenspieler des Jahres bei den International Bluegrass Music Awards, 2010 war er mit Michael Cleveland bereits einmal beim Bluegrass Jamboree dabei: Jesse D. Brock. Zwei Jahre später unterstützt er nun die Band von Audie Blaylock an der Mandoline, reist morgen mit den Jungs in Deutschland an und ist ab Mittwoch im Dienst. Vorher hat er noch Zeit gefunden, Doppelstopp drei Fragen zu beantworten. Dabei ging es zunächst mal darum, wie er zur Mandoline gekommen ist: Ich hab mit Fiddle angefangen, neun Stunden genommen und gemerkt, dass mir die Geduld fehlt, um ernsthaft weiterzumachen. Ein paar Monate später hab ich mir eine Mandoline gepackt, die wichtigsten Akkorde G, C, D gelernt, dazu Rhythmus und Timing, und mich von da aus weiterentwickelt. Ich mag das sehr, weil ich mich wie ein echter Mannschaftsspieler fühle, abgesehen von meinen Soli.

Seine Vorbilder und Helden am Instrument? Sam Bush, Bill Monroe, Dempsey Young, Adam Steffey, Ronnie McCoury, David McLaughlin, Jimmy Gaudreau und and Nate Bray. Und beim Bluegrass Jamboree wird er wieder seine Gibson F5 spielen, das Sam-Bush-Modell aus dem Jahr 2002. Aufgezogen sind D’Addario J75er, die er mit zwei verschiedenen Picks zum Klingen bringt – nacheinander, versteht sich: einem Blue Chip 40, small triangle, und einem 1 mm dicken Dunlop-Nylon-Pick. Und damit zurück nach Hamburg.


Jesse D. Brock im Dienst mit seinem Sam-Bush-Modell

Caleb und der Sound der Paare

Heute in einer Woche startet die vierte Ausgabe des Bluegrass Jamboreemit einem Konzert in Offenburg. Das Line-up bietet wieder ein breites Spektrum: von den Headlinern Audie Blaylock & Redline mit klassischem Bluegrass über den Pop-Grass von Bearfoot bis zum Old-Time-Duo Caleb Klauder und Reeb Willms. Letztere werden das erste Mal in Deutschland sein, die Spannung steigt also bis zum Welcome Dinner in Tübingen am kommenden Dienstag mit Maultaschen und Schnitzel. Caleb Klauder packt außer Fiddle und Gitarre auch seine Mandoline mit ins Flugzeug, seine einzige übrigens: eine von John Sullivan gebaute F5 aus dem Jahr 1995, bestückt mit D’Addario J74ern, beackert mit einem Wegen-Pick der Stärke 1.0.

Wie ist er überhaupt zur Mandoline gekommen? Ich habe 1994 begonnen Mandoline zu spielen, ungefähr zur gleichen Zeit, als ich traditionelle amerikanische Tunes auf der Fiddle gelernt habe. Gitarre habe ich zu dem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren gespielt. Damals begann auch mein Interesse für Bluegrass und Old Time Music. Caleb lebte da bereits in Portland, und als er mal wieder seine Familie auf Orcas Island besuchte und bei einem Freund vorbeischaute, zeigte ihm der eine Mandoline: Es war das erste Mal, dass ich eine von Nahem gesehen habe, ich war 24, erinnert er sich: Ich habe schnell gemerkt, dass die Stimmung die gleiche wie die der Fiddle war, was ich ziemlich aufregend fand. Es war eine von John Sullivan gebaute Mandoline und sie gehörte Bruce Harvie von Orcas Island Tone Woods – er hatte John das Holz verkauft, aus dem die Mandoline gebaut war.

Ich hab mir dann ziemlich schnell ein billiges Exemplar gekauft, eine Flatiron Flattop, und darauf dieselben Tunes wie auf der Fiddle geübt. Zu der Zeit bin ich mit all diesen jungen Fiddlern in Portland zusammengekommen, die mir alle um Jahre voraus und um Vieles besser waren. Also habe ich mich der Mandoline zugewandt, um mit ihnen spielen und zur Musik eine neue Farbe hinzufügen zu können. Das war die gleiche Zeit, als ich begann, Bill Monroe und die Bluegrass Boys zu hören und jede Menge obskure Old Time Fiddle Music aus North Carolina und Musik des Mandolinenspielers Verlin Clifton.

Die Mandoline gibt mir eine großartige Stimme, sie ist wundervoll sowohl fürs Melodie- als auch fürs Rhythmusspiel, schreibt Caleb an Doppelstopp, ich liebe den Klang der Saitenpaare und die Herausforderungen, damit zu spielen. Ich freu mich über Old Time Fiddle Tunes und alte Country-Musik, und obwohl´s ja von seiner Herkunft her kein amerikanisches Instrument ist, hat die Mandoline doch eine wichtige Stellung in der amerikanischen Musik eingenommen. Seine Helden auf dem Instrument? Bill Monroe, Frank Wakefield, Tim O’Brien, Jethro Burns und in Portland Greg Clarke – mein Favorit gleich nach Bill. Falls jemand jetzt noch mehr wissen will: Caleb Klauder wird bestimmt beim Jamboree neben der Bühne Auskunft geben.


Caleb Klauder und Reeb Willms

Wenn die Lenden singen

Es ist schon eine ganze Weile her, seit wir hier zuletzt was aus der Abteilung Mando-Pop geliefert haben. Dem gilt es unverzüglich zu begegnen, und zwar mit den Singing Loins aus England. Nun mag manche der Name in der Übersetzung auf falsche Gedanken bringen: Die Singenden Lenden zielen nicht unter die Gürtellinie! Täten sie dies, würden wir hier selbstverständlich kein Wort über solche Schweinigel verlieren. Aber so schon. Das aktuelle Album … here on earth ist ein schönes, und die Mandoline spielt fleißig mit – als Farbtupfer, aber auch für solistische Akzente. Und weil uns das so freut, folgt hier direkt mit Monsters Ashore mal ein Beispiel, wo Rob Shepherd den Hobel bedient, nicht spektakulär, aber effektvoll. Ach, gutes altes England.

Für milde Tage beten

Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge: Jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte kälter werden, wird wieder so manche Mandoline als Heizmaterial im Ofen landen. Besonders viel Brennwert sollen diese Instrumente aus den 1920er-Jahren besitzen – kein Wunder, sind sie doch lange genug gelagert worden und schön trocken. Aber auch manches neuere Modell sieht seinem Ende entgegen, wenn die Barschaft nicht ausreicht, um richtiges Brennholz kaufen zu können und die umliegenden Wälder allesamt leergesammelt sind. Viel Geld wurde für Benzin ausgegeben, der Rest für die ersten Weihnachtsgeschenke. Wenn dann noch was übrig bleibt, geht es für Flachbildfernseher und Laubpuster drauf. Musik kommt auch aus dem Internet, dafür brauche ich keine Instrumente zu Hause. Außerdem schneiden die mit den Saiten so unangenehm in die Finger. Es gibt also schlimmere Schicksale für Folterinstrumente als ein Raub der Flammen zu werden. Ich bin trotzdem gespannt, wie groß mein Gitarren-, Mandolinen- und Sonstwaspark am Ende des Winters sein wird. Helft mit und betet für milde Tage!

Noch mehr Entzücken

Cahalen Morrison & Eli West: Our Lady Of The Tall Trees (Eigenverlag)

Der Zauber geht weiter. Nachdem uns das Duo Cahalen Morrison und Eli West auf dem Bluegrass Jamboree 2011 in Verzückung versetzt hatte und das Debüt-Album The Holy Coming Of The Storm ein Gleiches per Konserve schaffte, liegt seit September die zweite Sammlung der beiden vor. Und die zwölf Songs setzen nahtlos fort, was die Vorgänger versprochen haben. Da sind sie wieder, die feinen ineinander verwobenen Linien der Instrumente, da ist auch wieder der perfekte Harmoniegesang, die faszinierende Dynamik und Atmosphäre. Gleich mit den ersten Tönen nehmen sie uns für sich ein, bestechende Riffs als unverwechselbare Erkennungszeichen, melodiös und prägnant.

Ob nun im Titelstück, wo Cahalen Morrisons feinfühliges Frailing-Banjo die Richtung vorgibt, oder seinem wunderbaren Mandolinen-Vorspiel zu A Lady Does Not Often Falter: Die Arrangements sind immer geschmackvoll. Dabei wirken die Songs trotz der in sie gegossenen Virtuosität noch einfach – im Sinne von volksliedhaft und old-timey. Bei den meisten Songs handelt es sich um Eigenkompositionen, wobei die Covers sich organisch einfügen. So gibt´s eine lässige Version von Norman Blakes Church Street Blues, und Townes van Zandts Loretta klingt federnd leicht und luftig.

Obwohl das Instrumentarium mit Banjo, Mandoline, Oktavmando und Gitarre überschaubar ist, kehrt nie Langeweile ein, lässt sich das gesamte Album mit Freude am Stück durchhören. Die beiden Musiker aus Seattle agieren so versiert, dass musikalisch immer etwas passiert, dass man schlängelnden Linien folgen kann, sich über harmonische Finessen wundert und es dann doch wieder sein lässt, um einfach zu genießen. Darrell Scotts und Tim O’Briens Album Real Time mag die Blaupause für solche Projekte sein. Aber Cahalen Morrison und Eli West setzen eigene Maßstäbe dafür, wie viel Musik zwei Menschen gemeinsam machen können.

Das Album kann unter anderem über die Website der beiden bezogen werden. Alles in Ruhe anhören – geht über die Bandcamp-Seite.