Bald sind auch wir Dummies

In Kürze soll auch unser Lieblingsinstrument Mitglied der großen Dummie-Familie werden: Das Buch Mandolin For Dummies findet sich jedenfalls in der Vorankündigung bei Amazon. Dort ist als Erscheinungstermin zwar der 17. August genannt, doch der ist ja bereits vorüber und das Buch dennoch nicht lieferbar. Amazon USA nennt mittlerweile den Termin 19. September. Also hat Autor Don Julin womöglich noch letzte Hand anlegen müssen (kürzen!) oder der Verlag lässt sich beim Editieren mehr Zeit. Naja, schlecht wird der Inhalt ja dadurch nicht. Die Erwartungen ans Buch sind recht hoch: Es soll sich nicht nur an komplette Anfänger, sondern auch an Fortgeschrittenere wenden. Vor allem soll es stilistisch breit aufgestellt sein, neben Bluegrass auch Celtic und Swing berücksichtigen. Im Mandolin Café wird schon diskutiert. Ob Mandolin For Dummies jemals ins Deutsche übertragen wird, stelle ich mal in Frage. Wenn´s so wäre, wär´s schön. Aber wir sind ja das Englische gewöhnt – zwangsläufig, bei diesem Instrument.

Der besondere Akzent

Zugegeben: Die Flitsch, wie der Rheinländer die Mandoline nennt, taucht im Kölner Karneval häufig auf. Aber so, wie Hans Süper mit dem Instrument umging, konnte und kann ihm keiner das Wasser reichen. War er für die einen vor allem der verrückte Spaßmacher des Colonia Duetts, schaute unsereins besonders genau auf die Fingerchen der linken Hand, immer verbunden mit der Frage: Was macht der da eigentlich? Darauf gibt auch das Buch Hans Süper: Mein Leben mit der Flitsch keine Antwort. Damit war aber auch nicht zu rechnen. Geschrieben von Helmut Frangenberg, Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, ist das Buch in erster Linie fürs regionale Publikum gedacht – alle anderen könnten Schwierigkeiten haben, das geschriebene Kölsch zu verstehen. Und davon gibt es reichlich, denn Hans Süper redet nunmal meistens Kölsch.

Mitte März ist er 75 Jahre alt geworden, und das Buch rollt dieses Leben auf: von den Kinderjahren im Krieg, der harten Nachkriegszeit in Köln, Süpers Leben als Tanzmusiker und Stromzählerableser und schließlich seine Karriere im Karneval, der ihn berühmt gemacht hat. Gemessen am Titel, wäre insgesamt vielleicht doch mehr Flitsch angemessen gewesen. Aber es gibt dennoch einige Anekdoten und Fotos, in und auf denen die Mando eine wichtige Rolle spielt. So etwa die Geschichte, als Süpers Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkam und zweierlei Instrumente im Gepäck hatte: eine aus einer Apfelsinenkiste gebaute Mandriola und eine Mandoline von Gibson! Letztere landete leider zügig auf dem Schwarzmarkt, während Süper auf der Mandriola seine ersten musikalischen Gehversuche machte. Das dauerte allerdings nur bis zu seiner Kommunion – dann setzte sich ein Gast während der Feier nämlich drauf, das Instrument war hin. Aber Süper war der Mandoline verfallen. Als er dann Geige lernen sollte, wollte ihn ein Lehrer kostenlos unterrichten, unter einer Bedingung: Er muss das Mandoline spielen sein lassen. Süper dachte gar nicht daran, schwänzte den Unterricht und versteckte die Geige im Keller.

Das Verhältnis zu seinem Vater, ebenfalls ein berühmter Karnevalist, blieb zeitlebens schwierig. In den 50ern und 60ern stand Hans Süper mit einer E-Mandoline von Fender (Sam Bush spielt seine ja auch gelegentlich) auf der Bühne, schloss sie an ein Röhrenradio an und spielte Tanz- und Beatmusik – auf dem schönsten Foto des Buchs dokumentiert. Verraten wird auch das Geheimnis des Süper-Saitensatzes: Er zog statt der normalen A- und E-Saiten G- und D-Saiten auf, stimmte die aber wieder den Ganzton hoch. Dadurch klingt das ein bisschen voller, begründet Süper. Was vielleicht angesichts der nicht so ganz hohen Qualität seiner Instrumente auch notwendig gewesen sein mag … Aber man kann´s ja auch mal so probieren.

Sie taucht im Buch also immer mal wieder auf, die Flitsch. Aber Vorsicht, mandolinenbegeisterte Interessenten: Es geht auf den gut 100 Seiten nicht in erster Linie um Musik. Es geht um den Menschen und Clown Hans Süper, um Karneval und Colonia Duett, um die dunkle Seite des Geschäfts und der Persönlichkeit Süpers, aber auch die schönen Spielarten des kölschen Brauchtums. Und der Musiker Süper? Er stellt sein Licht unter den Scheffel, während Profis wie der Gastdirigent der WDR-Bigband, Mike Herting, nicht müde werden ihn zu loben. Man kann Autor Frangenberg nur zustimmen, wenn er schreibt: Mit Musik ging Hans Süper genauso um wie mit Sprache. So wie er in den Dialogen des Colonia Duetts verzögerte und wartete, bis er einen Witz platzierte, spielte er auch die Mandoline. Er fand immer den richtigen Zeitpunkt für den besonderen Akzent.


Helmut Frangenberg
Hans Süper
Mein Leben mit der Flitsch
KiWi Köln, 17,99 €
inkl. CD mit knapp 30 Minuten Laufzeit
ISBN: 978-3-462-03829-3

Die Flitsch in der Literatur

Schade, sehr schade. Jetzt wird der Süper Hans im WDR gefeiert, weil er am 15. März 75 Jahre alt wird. Offenbar aber hat noch niemand den Musiker, also den Mandolinenspieler Süper in den Fokus genommen. Alle schwärmen davon, was für ein toller Musiker der Mann ist, aber wer fragt da mal in die Tiefe? Ich hätte ja jetzt gern mal eine Dokumentation gesehen über seine Mandolinen, seine Art zu spielen, seinen musikalischen Background. Stattdessen nur Andeutungen. Stattdessen die 1397. Wiederholung der Ei-Sketsche. Ja, zugegeben, es wäre wohl zuviel verlangt, den Mann mal speziell als Mandolinenspieler zu beleuchten. Vielleicht wäre das ja auch die Aufgabe dieses Blogs?! Aber so leicht ist an den Mann nicht ranzukommen. Jedenfalls habe ich auch dieses Jahr wieder vergeblich versucht, seinen Stil irgendwie zu kopieren. Aber nichts hat wirklich so geklungen wie das Geflitsche vom Süper Häns. Er könnte ja mal in seiner spanischen Residenz ein Lehrbuch schreiben: The Hans Süper Mandolin Method. Ich würd´s kaufen. Bis dahin gibt´s seit Kurzem eine Biografie, geschrieben von Helmut Frangenberg, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers: Hans Süper. Mein Leben mit der Flitsch. Das Buch enthält sogar eine CD und ist auch noch nach Aschermittwoch erhältlich.


Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Preis: 17,99 Euro.

Bühnenpräsenz leicht gemacht

Geahnt hab ich´s immer schon, aber jetzt gibt es sogar ein Buch darüber: den Stage Performance Guide für Bluegrass-Bands. Der Autor Mark A. Johnson erklärt, dass es eben nicht nur auf die Musik ankommt, die da von der Bühne tönt: Das Publikum möchte unterhalten werden und eine emotionale Bindung zur Band aufbauen, und dazu bedarf es mehr als nur Musik. Und er fährt fort: Was bei einem Konzert zusätzlich zur Musik passiert, ist letztlich genauso wichtig wie die Songs selbst.

Wie man das, was einem fehlt, allerdings per Buch lernen soll, vermag ich in Unkenntnis des Werks nicht zu beantworten. Der Inhalt scheint jedenfalls eine Menge abzudecken: wie man das Publikum auf seine Seite zieht, wie man selbstsicher wirkt auf der Bühne, ohne arrogant rüberzukommen, wie man mit Bühnenangst umgeht, wie man Pannen begegnet und wie man Humor einsetzt – klingt nach dem großen Rundumschlag. Vielleicht gibt´s ja erstmal ein paar Leseproben, wenn man Johnson anschreibt: stageperformanceguide@cox.net. Ansonsten: Wer das Buch haben möchte, bezahlt für die Pdf-Datei lediglich 15 US-Dollar. Wenig Geld für eine Entertainer-Schule. Wenn´s klappt.

Respekt im Theater

Respekt, den wollte er haben. Respekt für den Musikstil Bluegrass, weswegen Klaus Grotelüschen letztlich sein legendäres Festival in Neusüdende ad acta legte. Wie steht es in der neuen Ausgabe des Folker zu lesen:

Aber der Veranstaltungsort war nun einmal ein Landgasthof mit einer ausladenden Theke im Vortragssaal, und das Publikum rekrutierte sich – im etwas peinlichen Gegensatz zu den meisten US-Musikern auf der Bühne – zu einem immer größer werdenden Teil aus bunt kostümierten Cowboys und Cowgirls, die letztlich mehr daran interessiert waren, sich mit ihresgleichen auszutauschen, als grandioser Musik zuzuhören.

Schön formuliert, Kai Engelke. Wer will sich des Eindrucks erwehren, dass ein Teil des Bluegrass-Publikums und der entsprechenden deutschen Szene offenbar mehr an Selbstinszenierung in Westernklamotten interessiert ist als tatsächlich zuzuhören, was da auf der Bühne passiert. Klaus Grotelüschen jedenfalls zog die maximale Konsequenz: Er veranstaltet Bluegrass-Konzerte nur noch in einem Rahmen, der Respekt gegenüber den Künstlern ausdrückt und einfordert: im Oldenburgischen Staatstheater.  Glücklicherweise mit Erfolg. Der kleine Artikel lässt sich im Folker Nr. 6/2010 lesen (wo übrigens auch ein Beitrag über Seth Lakeman zu finden ist). Und wer mag, kann Grotelüschen unterstützen, indem er CDs bei ihm kauft – im Hillbillie Guesthouse.

Bills Gutenachtgeschichten

Den Krieg hatte Deutschland zwar verloren, politische und kulturelle Freiheit aber gewonnen. Jazz gab´s zwar auch im „Dritten Reich“, aber nicht als öffentliche Veranstaltung. Da ging nach dem Krieg die Post ab: Weil so viele US-Soldaten im Land waren, tourten auch viele berühmte US-Künstler über die Bühnen der westlichen Besatzungszonen. Dass aus dieser wilden Zeit jede Menge Skurrilitäten und Anekdoten zu erzählen sind, wundert nicht. Rüdiger Bloemeke hat sie für sein Buch Live In Germany. Spurensuche im musikalischen Entwicklungsland gesammelt. Und in einem Beitrag für Spiegel Online gibt er einige Episoden zum Besten – etwa die, dass 1949 Stars der Grand Ole Opry aus Nashville nach Berlin geflogen wurden, um die GIs zu unterhalten. Selbst Hank Williams war dabei!

Für uns interessant ist eine Passage des Textes, in dem es um Bill Monroe geht: Bluegrass-Legende Bill Monroe wurde in den siebziger Jahren vom deutschen Banjo-Spieler Rolf Sieker im Ford durch Deutschland kutschiert. Wie in den USA gewohnt, übernachtete er mit seinem Fahrer im Doppelzimmer, erzählte Sieker vor dem Einschlafen von seiner Liebe zu einem viel zu jungen Mädchen, dem er das Lied „My Little Georgia Rose“ gewidmet hatte – und stand früh im Morgengrauen mit seiner Mandoline am Fenster, um für die Auftritte zu üben.

Laut Monroe-Biograf Richard D. Smith inspirierte allerdings Monroes uneheliche Tochter ihn zu jenem Song – deren Mutter allerdings die viel zu junge Geliebte gewesen sein könnte, von der Bill seinem Fahrer Rolf erzählt hat. Nächstes Jahr feiert die Bluegrass-Welt den 100. Geburtstag Monroes. Es gibt offenbar noch viel zu erforschen.


Bloemekes Buch kostet 19,80 Euro und ist im Voodoo-Verlag erschienen.

Soli, die nach Bluegrass klingen #3

Zum Abschluss des Interviews mit Jesper Rübner-Petersen rund um Improvisation auf der Bluegrass-Mando geht´s heute um die Materialfülle seines Buchs: Wer sich da reinkniet, der füllt seinen Bag of Licks zügig.

Jesper, wie entscheidend ist es, die Aufgaben durchzuarbeiten, die Du jeweils ans Ende eines Abschnitts gestellt hast?

JRP: Mit den Aufgaben verbinde ich das Ziel, die Leser dazu zu animieren, ihre eigenen Licks zu komponieren und auch ihren eigenen Stil zu finden. Auf Grund der vielen Beispiele im Buch könnte man natürlich denken, dass alle, die damit arbeiten, hinterher gleich klingen. Aber das denke ich nicht – jeder sucht sich seine Favoriten aus und kombiniert diese mit eigenen Ideen und sonstigen Einflüssen. Die auf Improvisation basierenden Aufgaben können auch mit eigenen Ideen kombiniert oder ausgetauscht werden. Sich selbst neue Improvisations-Aufgaben stellen zu können, ist mit Sicherheit eine gute Sache im Lernprozess.

Double-Stops, Crosspicking, „The Blues Sound“, Monroe Style: Das Buch wirkt wie ein komplettes Kompendium der Bluegrass-Mandoline. Ist – wer das alles konsequent durcharbeitet – am Ende ein „kompletter“ Spieler?

JRP: Ich glaube nicht, dass man ein „kompletter“ Spieler werden kann. Es klingt vielleicht nicht besonders ermutigend, aber je mehr man lernt, desto mehr wird einem bewusst, wo es noch Lücken gibt. Egal wie gut man ist – es gibt immer etwas zu lernen. Derjenige, der mein Buch oder Teile davon durcharbeitet, wird mit Sicherheit ein besserer Musiker – und ist das nicht das, was wir alle werden wollen?

Auf der beigefügten MP3-CD befinden sich fast 300 Tracks, das Buch enthält fast so viele Licks – wie lässt sich diese Materialfülle managen?

JRP: Ich glaube, jeder muss seinen persönlichen Weg finden, das ganze Material oder Teile davon zu managen. Mein erstes Jazz-Theorie-Buch, das ich mir vor zwanzig Jahren gekauft habe, ziehe ich ab und zu immer noch aus dem Regal. Und ich finde immer noch etwas Neues darin, das ich benutzen kann. Das Ziel derer, die mein Buch gekauft haben, sollte es sein, das Improvisieren zu lernen. Das Gute ist, dass man zum Glück nicht allzu viel wissen muss, um das erste kleine Solo improvisieren zu können. Danach läuft alles Schlag auf Schlag – wenn man dran bleibt! Ich hoffe, dass mal jemand zu mir kommen und erzählen wird, dass er wegen meines Buchs jetzt besser improvisieren kann. Dann haben sich die fünf Jahre Schreiberei für mich mehr als gelohnt.

Wer wird denn künftig noch Deine Workshops besuchen, wenn erstmal alle genug damit zu tun haben, Dein Buch durchzuarbeiten?

JRP: Ich hoffe, dass die Leute, die mein Buch gekauft haben, auch ab und zu einen meiner Workshops besuchen, um mir Fragen zu den Kapiteln zu stellen. Außer dem Improvisieren werden bei den Workshops auch andere Themen wie „The Bluegrass Sound“, Lieder-Begleitung, Tunes und Technik behandelt, was für einen lernbegierigen Mandolinen-Spieler natürlich auch wichtig ist. Der Guide sollte eine Ergänzung zum Lernen von Liedern und anderen Spiel-Techniken sein. Wenn man mein Buch vorliegen hat, ist es mit Sicherheit verlockend, sich die ganze Zeit nur mit dem Improvisieren zu beschäftigen. Aber wenn das Gehirn voll läuft, dann ist es wieder einmal Zeit, eine Fiddletune oder einen Breakdown zu spielen. Was die Anmeldungen bei den Workshops angeht, mache ich mir keine Gedanken: Viele der Teilnehmer kommen nicht nur um Neues zu lernen, sondern auch, um eine Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen und Erfahrungen auszutauschen – Mandolin Talk, you know!?

Bibliografische Angaben:

Autor: Jesper Rübner-Petersen
Titel: The Mandolin Picker´s Guide to Bluegrass Improvisation
Verlag: Mel Bay Publications
Bestellnummer: 22086BCD
ISBN: 078668237X
UPC: 796279110877
ISBN13: 9780786682379