Bald sind auch wir Dummies

In Kürze soll auch unser Lieblingsinstrument Mitglied der großen Dummie-Familie werden: Das Buch Mandolin For Dummies findet sich jedenfalls in der Vorankündigung bei Amazon. Dort ist als Erscheinungstermin zwar der 17. August genannt, doch der ist ja bereits vorüber und das Buch dennoch nicht lieferbar. Amazon USA nennt mittlerweile den Termin 19. September. Also hat Autor Don Julin womöglich noch letzte Hand anlegen müssen (kürzen!) oder der Verlag lässt sich beim Editieren mehr Zeit. Naja, schlecht wird der Inhalt ja dadurch nicht. Die Erwartungen ans Buch sind recht hoch: Es soll sich nicht nur an komplette Anfänger, sondern auch an Fortgeschrittenere wenden. Vor allem soll es stilistisch breit aufgestellt sein, neben Bluegrass auch Celtic und Swing berücksichtigen. Im Mandolin Café wird schon diskutiert. Ob Mandolin For Dummies jemals ins Deutsche übertragen wird, stelle ich mal in Frage. Wenn´s so wäre, wär´s schön. Aber wir sind ja das Englische gewöhnt – zwangsläufig, bei diesem Instrument.

Der besondere Akzent

Zugegeben: Die Flitsch, wie der Rheinländer die Mandoline nennt, taucht im Kölner Karneval häufig auf. Aber so, wie Hans Süper mit dem Instrument umging, konnte und kann ihm keiner das Wasser reichen. War er für die einen vor allem der verrückte Spaßmacher des Colonia Duetts, schaute unsereins besonders genau auf die Fingerchen der linken Hand, immer verbunden mit der Frage: Was macht der da eigentlich? Darauf gibt auch das Buch Hans Süper: Mein Leben mit der Flitsch keine Antwort. Damit war aber auch nicht zu rechnen. Geschrieben von Helmut Frangenberg, Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, ist das Buch in erster Linie fürs regionale Publikum gedacht – alle anderen könnten Schwierigkeiten haben, das geschriebene Kölsch zu verstehen. Und davon gibt es reichlich, denn Hans Süper redet nunmal meistens Kölsch.

Mitte März ist er 75 Jahre alt geworden, und das Buch rollt dieses Leben auf: von den Kinderjahren im Krieg, der harten Nachkriegszeit in Köln, Süpers Leben als Tanzmusiker und Stromzählerableser und schließlich seine Karriere im Karneval, der ihn berühmt gemacht hat. Gemessen am Titel, wäre insgesamt vielleicht doch mehr Flitsch angemessen gewesen. Aber es gibt dennoch einige Anekdoten und Fotos, in und auf denen die Mando eine wichtige Rolle spielt. So etwa die Geschichte, als Süpers Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkam und zweierlei Instrumente im Gepäck hatte: eine aus einer Apfelsinenkiste gebaute Mandriola und eine Mandoline von Gibson! Letztere landete leider zügig auf dem Schwarzmarkt, während Süper auf der Mandriola seine ersten musikalischen Gehversuche machte. Das dauerte allerdings nur bis zu seiner Kommunion – dann setzte sich ein Gast während der Feier nämlich drauf, das Instrument war hin. Aber Süper war der Mandoline verfallen. Als er dann Geige lernen sollte, wollte ihn ein Lehrer kostenlos unterrichten, unter einer Bedingung: Er muss das Mandoline spielen sein lassen. Süper dachte gar nicht daran, schwänzte den Unterricht und versteckte die Geige im Keller.

Das Verhältnis zu seinem Vater, ebenfalls ein berühmter Karnevalist, blieb zeitlebens schwierig. In den 50ern und 60ern stand Hans Süper mit einer E-Mandoline von Fender (Sam Bush spielt seine ja auch gelegentlich) auf der Bühne, schloss sie an ein Röhrenradio an und spielte Tanz- und Beatmusik – auf dem schönsten Foto des Buchs dokumentiert. Verraten wird auch das Geheimnis des Süper-Saitensatzes: Er zog statt der normalen A- und E-Saiten G- und D-Saiten auf, stimmte die aber wieder den Ganzton hoch. Dadurch klingt das ein bisschen voller, begründet Süper. Was vielleicht angesichts der nicht so ganz hohen Qualität seiner Instrumente auch notwendig gewesen sein mag … Aber man kann´s ja auch mal so probieren.

Sie taucht im Buch also immer mal wieder auf, die Flitsch. Aber Vorsicht, mandolinenbegeisterte Interessenten: Es geht auf den gut 100 Seiten nicht in erster Linie um Musik. Es geht um den Menschen und Clown Hans Süper, um Karneval und Colonia Duett, um die dunkle Seite des Geschäfts und der Persönlichkeit Süpers, aber auch die schönen Spielarten des kölschen Brauchtums. Und der Musiker Süper? Er stellt sein Licht unter den Scheffel, während Profis wie der Gastdirigent der WDR-Bigband, Mike Herting, nicht müde werden ihn zu loben. Man kann Autor Frangenberg nur zustimmen, wenn er schreibt: Mit Musik ging Hans Süper genauso um wie mit Sprache. So wie er in den Dialogen des Colonia Duetts verzögerte und wartete, bis er einen Witz platzierte, spielte er auch die Mandoline. Er fand immer den richtigen Zeitpunkt für den besonderen Akzent.


Helmut Frangenberg
Hans Süper
Mein Leben mit der Flitsch
KiWi Köln, 17,99 €
inkl. CD mit knapp 30 Minuten Laufzeit
ISBN: 978-3-462-03829-3

Die Flitsch in der Literatur

Schade, sehr schade. Jetzt wird der Süper Hans im WDR gefeiert, weil er am 15. März 75 Jahre alt wird. Offenbar aber hat noch niemand den Musiker, also den Mandolinenspieler Süper in den Fokus genommen. Alle schwärmen davon, was für ein toller Musiker der Mann ist, aber wer fragt da mal in die Tiefe? Ich hätte ja jetzt gern mal eine Dokumentation gesehen über seine Mandolinen, seine Art zu spielen, seinen musikalischen Background. Stattdessen nur Andeutungen. Stattdessen die 1397. Wiederholung der Ei-Sketsche. Ja, zugegeben, es wäre wohl zuviel verlangt, den Mann mal speziell als Mandolinenspieler zu beleuchten. Vielleicht wäre das ja auch die Aufgabe dieses Blogs?! Aber so leicht ist an den Mann nicht ranzukommen. Jedenfalls habe ich auch dieses Jahr wieder vergeblich versucht, seinen Stil irgendwie zu kopieren. Aber nichts hat wirklich so geklungen wie das Geflitsche vom Süper Häns. Er könnte ja mal in seiner spanischen Residenz ein Lehrbuch schreiben: The Hans Süper Mandolin Method. Ich würd´s kaufen. Bis dahin gibt´s seit Kurzem eine Biografie, geschrieben von Helmut Frangenberg, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers: Hans Süper. Mein Leben mit der Flitsch. Das Buch enthält sogar eine CD und ist auch noch nach Aschermittwoch erhältlich.


Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Preis: 17,99 Euro.

Bühnenpräsenz leicht gemacht

Geahnt hab ich´s immer schon, aber jetzt gibt es sogar ein Buch darüber: den Stage Performance Guide für Bluegrass-Bands. Der Autor Mark A. Johnson erklärt, dass es eben nicht nur auf die Musik ankommt, die da von der Bühne tönt: Das Publikum möchte unterhalten werden und eine emotionale Bindung zur Band aufbauen, und dazu bedarf es mehr als nur Musik. Und er fährt fort: Was bei einem Konzert zusätzlich zur Musik passiert, ist letztlich genauso wichtig wie die Songs selbst.

Wie man das, was einem fehlt, allerdings per Buch lernen soll, vermag ich in Unkenntnis des Werks nicht zu beantworten. Der Inhalt scheint jedenfalls eine Menge abzudecken: wie man das Publikum auf seine Seite zieht, wie man selbstsicher wirkt auf der Bühne, ohne arrogant rüberzukommen, wie man mit Bühnenangst umgeht, wie man Pannen begegnet und wie man Humor einsetzt – klingt nach dem großen Rundumschlag. Vielleicht gibt´s ja erstmal ein paar Leseproben, wenn man Johnson anschreibt: stageperformanceguide@cox.net. Ansonsten: Wer das Buch haben möchte, bezahlt für die Pdf-Datei lediglich 15 US-Dollar. Wenig Geld für eine Entertainer-Schule. Wenn´s klappt.

Respekt im Theater

Respekt, den wollte er haben. Respekt für den Musikstil Bluegrass, weswegen Klaus Grotelüschen letztlich sein legendäres Festival in Neusüdende ad acta legte. Wie steht es in der neuen Ausgabe des Folker zu lesen:

Aber der Veranstaltungsort war nun einmal ein Landgasthof mit einer ausladenden Theke im Vortragssaal, und das Publikum rekrutierte sich – im etwas peinlichen Gegensatz zu den meisten US-Musikern auf der Bühne – zu einem immer größer werdenden Teil aus bunt kostümierten Cowboys und Cowgirls, die letztlich mehr daran interessiert waren, sich mit ihresgleichen auszutauschen, als grandioser Musik zuzuhören.

Schön formuliert, Kai Engelke. Wer will sich des Eindrucks erwehren, dass ein Teil des Bluegrass-Publikums und der entsprechenden deutschen Szene offenbar mehr an Selbstinszenierung in Westernklamotten interessiert ist als tatsächlich zuzuhören, was da auf der Bühne passiert. Klaus Grotelüschen jedenfalls zog die maximale Konsequenz: Er veranstaltet Bluegrass-Konzerte nur noch in einem Rahmen, der Respekt gegenüber den Künstlern ausdrückt und einfordert: im Oldenburgischen Staatstheater.  Glücklicherweise mit Erfolg. Der kleine Artikel lässt sich im Folker Nr. 6/2010 lesen (wo übrigens auch ein Beitrag über Seth Lakeman zu finden ist). Und wer mag, kann Grotelüschen unterstützen, indem er CDs bei ihm kauft – im Hillbillie Guesthouse.

Bills Gutenachtgeschichten

Den Krieg hatte Deutschland zwar verloren, politische und kulturelle Freiheit aber gewonnen. Jazz gab´s zwar auch im „Dritten Reich“, aber nicht als öffentliche Veranstaltung. Da ging nach dem Krieg die Post ab: Weil so viele US-Soldaten im Land waren, tourten auch viele berühmte US-Künstler über die Bühnen der westlichen Besatzungszonen. Dass aus dieser wilden Zeit jede Menge Skurrilitäten und Anekdoten zu erzählen sind, wundert nicht. Rüdiger Bloemeke hat sie für sein Buch Live In Germany. Spurensuche im musikalischen Entwicklungsland gesammelt. Und in einem Beitrag für Spiegel Online gibt er einige Episoden zum Besten – etwa die, dass 1949 Stars der Grand Ole Opry aus Nashville nach Berlin geflogen wurden, um die GIs zu unterhalten. Selbst Hank Williams war dabei!

Für uns interessant ist eine Passage des Textes, in dem es um Bill Monroe geht: Bluegrass-Legende Bill Monroe wurde in den siebziger Jahren vom deutschen Banjo-Spieler Rolf Sieker im Ford durch Deutschland kutschiert. Wie in den USA gewohnt, übernachtete er mit seinem Fahrer im Doppelzimmer, erzählte Sieker vor dem Einschlafen von seiner Liebe zu einem viel zu jungen Mädchen, dem er das Lied „My Little Georgia Rose“ gewidmet hatte – und stand früh im Morgengrauen mit seiner Mandoline am Fenster, um für die Auftritte zu üben.

Laut Monroe-Biograf Richard D. Smith inspirierte allerdings Monroes uneheliche Tochter ihn zu jenem Song – deren Mutter allerdings die viel zu junge Geliebte gewesen sein könnte, von der Bill seinem Fahrer Rolf erzählt hat. Nächstes Jahr feiert die Bluegrass-Welt den 100. Geburtstag Monroes. Es gibt offenbar noch viel zu erforschen.


Bloemekes Buch kostet 19,80 Euro und ist im Voodoo-Verlag erschienen.

Soli, die nach Bluegrass klingen #3

Zum Abschluss des Interviews mit Jesper Rübner-Petersen rund um Improvisation auf der Bluegrass-Mando geht´s heute um die Materialfülle seines Buchs: Wer sich da reinkniet, der füllt seinen Bag of Licks zügig.

Jesper, wie entscheidend ist es, die Aufgaben durchzuarbeiten, die Du jeweils ans Ende eines Abschnitts gestellt hast?

JRP: Mit den Aufgaben verbinde ich das Ziel, die Leser dazu zu animieren, ihre eigenen Licks zu komponieren und auch ihren eigenen Stil zu finden. Auf Grund der vielen Beispiele im Buch könnte man natürlich denken, dass alle, die damit arbeiten, hinterher gleich klingen. Aber das denke ich nicht – jeder sucht sich seine Favoriten aus und kombiniert diese mit eigenen Ideen und sonstigen Einflüssen. Die auf Improvisation basierenden Aufgaben können auch mit eigenen Ideen kombiniert oder ausgetauscht werden. Sich selbst neue Improvisations-Aufgaben stellen zu können, ist mit Sicherheit eine gute Sache im Lernprozess.

Double-Stops, Crosspicking, „The Blues Sound“, Monroe Style: Das Buch wirkt wie ein komplettes Kompendium der Bluegrass-Mandoline. Ist – wer das alles konsequent durcharbeitet – am Ende ein „kompletter“ Spieler?

JRP: Ich glaube nicht, dass man ein „kompletter“ Spieler werden kann. Es klingt vielleicht nicht besonders ermutigend, aber je mehr man lernt, desto mehr wird einem bewusst, wo es noch Lücken gibt. Egal wie gut man ist – es gibt immer etwas zu lernen. Derjenige, der mein Buch oder Teile davon durcharbeitet, wird mit Sicherheit ein besserer Musiker – und ist das nicht das, was wir alle werden wollen?

Auf der beigefügten MP3-CD befinden sich fast 300 Tracks, das Buch enthält fast so viele Licks – wie lässt sich diese Materialfülle managen?

JRP: Ich glaube, jeder muss seinen persönlichen Weg finden, das ganze Material oder Teile davon zu managen. Mein erstes Jazz-Theorie-Buch, das ich mir vor zwanzig Jahren gekauft habe, ziehe ich ab und zu immer noch aus dem Regal. Und ich finde immer noch etwas Neues darin, das ich benutzen kann. Das Ziel derer, die mein Buch gekauft haben, sollte es sein, das Improvisieren zu lernen. Das Gute ist, dass man zum Glück nicht allzu viel wissen muss, um das erste kleine Solo improvisieren zu können. Danach läuft alles Schlag auf Schlag – wenn man dran bleibt! Ich hoffe, dass mal jemand zu mir kommen und erzählen wird, dass er wegen meines Buchs jetzt besser improvisieren kann. Dann haben sich die fünf Jahre Schreiberei für mich mehr als gelohnt.

Wer wird denn künftig noch Deine Workshops besuchen, wenn erstmal alle genug damit zu tun haben, Dein Buch durchzuarbeiten?

JRP: Ich hoffe, dass die Leute, die mein Buch gekauft haben, auch ab und zu einen meiner Workshops besuchen, um mir Fragen zu den Kapiteln zu stellen. Außer dem Improvisieren werden bei den Workshops auch andere Themen wie „The Bluegrass Sound“, Lieder-Begleitung, Tunes und Technik behandelt, was für einen lernbegierigen Mandolinen-Spieler natürlich auch wichtig ist. Der Guide sollte eine Ergänzung zum Lernen von Liedern und anderen Spiel-Techniken sein. Wenn man mein Buch vorliegen hat, ist es mit Sicherheit verlockend, sich die ganze Zeit nur mit dem Improvisieren zu beschäftigen. Aber wenn das Gehirn voll läuft, dann ist es wieder einmal Zeit, eine Fiddletune oder einen Breakdown zu spielen. Was die Anmeldungen bei den Workshops angeht, mache ich mir keine Gedanken: Viele der Teilnehmer kommen nicht nur um Neues zu lernen, sondern auch, um eine Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen und Erfahrungen auszutauschen – Mandolin Talk, you know!?

Bibliografische Angaben:

Autor: Jesper Rübner-Petersen
Titel: The Mandolin Picker´s Guide to Bluegrass Improvisation
Verlag: Mel Bay Publications
Bestellnummer: 22086BCD
ISBN: 078668237X
UPC: 796279110877
ISBN13: 9780786682379

Soli, die nach Bluegrass klingen #2

Warum das Ganze? Diese Frage zu seinem Buch The Mandolin Picker´s Guide To Bluegrass Improvisation hat Jesper Rübner-Petersen uns  bereits am Donnerstag beantwortet. Im zweiten Teil des Interviews geht es heute in Richtung praktische Fünftonmusik, oder, wie der Fachmann sagt: Pentatonik.

Jesper, inwieweit sind Deine jahrelangen praktischen Erfahrungen als Musik-Lehrer ins Buch eingeflossen?

JRP: Viele der Techniken aus dem Buch habe ich mit Teilnehmern aus meinen Workshops und mit Privatschülern ausprobiert. Und ich bin froh, dass ich diese Möglichkeit hatte, so meine Ideen zu testen. Das Schwierige für mich, als ich das Buch schrieb, war es, das Ganze in kurzen Sätzen zu erklären. Mit Schülern hat man immer die Option, die Techniken aus verschiedenen Perspektiven zu erklären, was in einem Buch natürlich nicht möglich ist. Zudem war mir der Amerikaner Spencer Sorenson, der das im Buch verwendete Englisch Korrektur gelesen hat und selbst Mandoline spielt, eine große Hilfe. Zusätzlich zur Korrektur nahm Spencer sich Zeit, alle Beispiele und Erklärungen auszuprobieren. Entsprechend konnte er mir dann eine konstruktive Rückmeldung geben.

Improvisation hat ja auch mit dem musikalischen Ausdruck von Gefühlen zu tun – inwieweit kann das Buch dabei helfen?

JRP: Beim Improvisieren wird im Bluegrass an den musikalischen Ausdruck von Gefühlen etwas anders herangegangen als z. B. beim Blues, wo das „Leiden“ des Musikers in dessen Solo zu hören ist. Bei Bluegrass stehen eher Dinge wie Timing und Groove im Vordergrund. Natürlich kann ein Musiker mehr oder weniger aggressiv spielen, aber die großen Gefühle werden wir im Solo auf der Bluegrass-Mando nicht finden. Jeder hat seinen eigenen „Touch“ und deswegen werden solche Themen im Buch auch nicht erwähnt. Der saubere Klang der Töne ist auch so eine Sache, die schwer zu beschreiben ist – heutzutage wird ja sogar Bill Monroes etwas unsaubere Spielweise von den Hardcore-Monroe-Fans nachgeahmt! Spieltechnische Elemente wie Betonung, Timing, Geschmack und Groove sind alles wichtige Zutaten für ein gutes Solo, was man natürlich schön bei den Meistern der Mandoline hören kann. Trotzdem klingen die guten Mandolinen-Spieler alle unterschiedlich, weil die Tonwahl, gemischt mit dem musikalischen Ausdruck des Musikers, dessen Stil ausmacht.

Du schreibst, Theorie und Praxis sollten sich die Waage halten, wenn man zu improvisieren lernt. Was steckt dahinter?

JRP: Das Lernen der Improvisation ist so ähnlich wie das Lernen einer Sprache. Wenn man in eine neue Sprache eintaucht, ist es wichtig, ein Vokabular aufzubauen, um damit Sätze bilden zu können. Je mehr Wörter und Sätze man beherrscht, desto einfacher wird es, diese in einer Konversation zu benutzen. Liest man mein Buch hundert Mal durch, bedeutet das nicht, dass man improvisieren kann. Erst wenn man anfängt mit den Techniken zu arbeiten, wird man auch anfangen, die ersten Improvisationen spielen zu können.

Zum Kapitel: „The Pentatonic Sound“ bemerkst Du, dass es vielleicht das wichtigste im ganzen Buch ist – warum?

JRP: Die Dur-pentatonischen Tonleitern geben einem die Möglichkeit, das erste Solo zu spielen, das tatsächlich nach Bluegrass klingt. Außerdem sind die pentatonischen Tonleitern auch nicht allzu schwierig zu lernen. „The Pentatonic Sound“ legt die Grundsteine für alles, was danach kommt, und deswegen ist es so wichtig, sich eingehend damit zu beschäftigen.

Soli, die nach Bluegrass klingen #1

Bestseller haben schöne Namen: Der Medicus zum Beispiel oder Die Wanderhure oder Das Tempelheinzchen. Wie auch immer. Es wundert jedenfalls nicht, dass ein Buch mit dem Titel The Mandolin Picker´s Guide To Bluegrass Improvisation auf der Spiegel-Bestsellerliste völlig fehlt. Bis jetzt! Denn ab heute stellen wir dieses nützliche Buch vor – im Rahmen eines Interviews mit dessen Autor: dem deutschland- wenn nicht gar europaweit profilierten Mandolinisten Jesper Rübner-Petersen. Geboren wurde er 1969 im dänischen Aarhus und wuchs mit Bluegrass und akustischer Musik auf. Seit 2000 lebt er in Süddeutschland, lehrt Gitarre und Mandoline und musiziert genreübergreifend: Bluegrass, Jazz, Rockabilly – alles seins. Im Frühling erschien bei Mel Bay sein Improvisationsbuch, um das es im dreiteiligen Interview geht. Heute also: Teil 1.

Lieber Jesper Rübner-Petersen, wie kam´s überhaupt zu der Idee, ein Buch über Improvisation auf der Mandoline zu schreiben, noch dazu spezialisiert auf Bluegrass?

JRP: Ich habe mich in meiner musikalischen Laufbahn von Anfang an für das Thema Improvisation interessiert. Als Jugendlicher war ich fasziniert von den Musikern, die bei einem Bluegrass-Jam oder auf der Bühne ein improvisiertes Solo abliefern konnten. Auf Nachfrage bei den Künstlern gab es aber oft keine befriedigende Antwort und die A-Blues-Tonleiter, die mein damaliger Gitarrenlehrer mir gezeigt hatte, klang auch nicht wie Bluegrass. Erst als ich entdeckte, dass ich den „Lester-Flatt-G-Run“ auf die verschiedenen Akkorde transponieren und damit mein erstes „improvisierte Solo“ spielen konnte, kam ich langsam auf den richtigen Weg. Mein Interesse an Jazz und das Studieren von Theorie-Büchern haben mir auch beim Analysieren von improvisierten Bluegrass-Soli geholfen. Weil ich mit Bluegrass aufgewachsen bin und weil es auf dem Markt keine derartig umfangreichen Bücher über Mandolinen-Improvisation gab, war es für mich nahe liegend, das Buch zu schreiben, das ich selber damals als Improvisations-Anfänger vermisst habe.

An wen richtet sich das Buch in erster Linie?

JRP: Ich glaube, dass jeder Mandolinen-Spieler irgendetwas aus dem Buch erfahren kann. Der Guide ist eigentlich so aufgebaut, dass man Schritt für Schritt das Improvisieren lernt. Aber man kann auch anders an das Buch herangehen. Fortgeschrittene Musiker werden sich eher Themen herauspicken, die sie interessieren und damit weiterarbeiten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele von den im Buch vorgestellten Techniken dazu benutzt werden können, um eigene Soli zu komponieren, die dann wie improvisiert klingen. So wird mit Sicherheit jeder „seine Kapitel“ finden.

Welche Fehler werden denn beim Improvisieren auf der Mando häufig begangen? Wo liegen die Fallstricke?

JRP: Beim Bluegrass ist es kaum möglich, ein Solo zu improvisieren, bei dem nur eine Tonleiter benutzt wird, wie man es vielleicht von Blues und Rock kennt. Viele Neulinge im Bluegrass wissen nicht, dass man beim Improvisieren im Prinzip auch bei jedem Akkord-Wechsel einen Tonleiter-Wechsel vollziehen sollte. Dass man innerhalb eines Liedes oft Tonleiter-Wechsel machen muss, klingt vielleicht kompliziert, aber so schwierig ist es auch nicht. Den größten Fehler, den man machen kann, wenn man das Improvisieren lernen will, ist, nicht dabeizubleiben.

Der Bill und seine Liebchen

Die Hüter der Tradition zittern wie Espenlaub: Hollywood will einen Film über Bill Monroe drehen, genauer gesagt über Monroes Beziehung zu Bessie Lee Mauldin. Die war offenbar seine langjährige Geliebte, jedenfalls wenn man den Darstellungen in dem Buch Can´t You Hear me Callin‘ des Autors Richard D. Smith glauben darf. Diese unmoralische Liebesgeschichte scheint aber ein rotes Tuch für Monroe-Verehrer zu sein. So hält Campbell Mercer, der Geschäftsführer der Jerusalem Ridge Foundation,  der Monroes Elternhaus gehört, nichts von dem Buch: „Das Buch musste geschrieben werden, aber es wurde vom falschen Typen geschrieben“, murrt Mercer. Und jetzt soll es auch noch als Filmvorlage dienen!

Mercer würde ein Film über die Musik Bill Monroes gefallen, aber nicht über dessen Seitensprünge, berichtet die Zeitung California Chronicle. Dabei weiß doch jeder, dass man das eine vom anderen nicht trennen darf. Leben und Musik gehen bei Künstlern eine wechselseitige Beziehung ein – im Grunde eine Binsenweisheit. Der Verdacht liegt nahe, dass da einige Bill Monroe als Saubermann konservieren möchten. Mal gespannt, was aus dem Filmprojekt wird. Übers Buch Smiths darf schon längst diskutiert werden.

Improvisieren mit dänischer Hilfe

Vor vielen Monden begann ein in Schwaben lebender Däne damit, ein Buch zu erdenken, das sich um Bluegrass-Improvisation auf der Mandoline drehen sollte. Nun, da wiederum eine Frankfurter Musikmesse naht, sieht es so aus, als sollte eben dieses Buch Ende Februar erscheinen, und zwar unter dem Titel: „The Mandolin Picker’s Guide to Bluegrass Improvisation“. Autor Jesper Rübner-Petersen dürften in Deutschland und Benelux viele Mandolinista von seinen Workshops kennen – oder sie haben ihn mal im Kontext des „Trio Vibracao“ erlebt. Dort spielt er allerdings fast keinen Bluegrass. Sein Buch beschränkt sich hingegen tatsächlich auf das Improvisieren in diesem Genre. Das rund 200 Seiten starke Werk könnte genau das sein, wonach jene immer gesucht haben, die das Nachspielen von Fiddle-Tunes leid sind und sich eine Anleitung und Inspiration wünschen, was das freie Spiel angeht. Geplant ist, dem Buch eine MP3-CD beizulegen, möglicherweise ergänzt um Beispiele per Web. Um nicht zu viele unnütze Worte machen zu müssen, folgt hier gleich das Inhaltsverzeichnis des bei Mel Bay erscheinenden Bands. Und natürlich werden wir uns hier noch ausführlicher damit befassen, wenn der Guide denn dann erschienen ist. Bestellungen nimmt Jesper aber jetzt schon entgegen – siehe seine Adresse unter den „Mando-Spielern in D“.

Draufklicken, dann wird´s groß.

Bordunisten werden frech

In der neuen Ausgabe des „Folker“ gibt´s nicht nur ein völlig fettes Special rund ums Thema Gema und eine Würdigung Wiglaf Drostes zum Songschreiber Danny Dziuk und Lesestoff zum „Bluegrass Jamboree“, nein, es gibt auch einen Artikel von Ulrich Joosten über die „New Acoustic Gallery“ in Solingen. Genau, der Ort, an dem an diesem Wochenende wieder Mandolinen-Workshop mit Jesper Rübner-Petersen war. Ohne mich, weil ich nicht konnte. Tante wurde 80. No way. Jedenfalls: In dem Artikel schreibt Uli nicht nur schön über den Laden, sondern bezeichnet unsereins glatt als „Mandoholiker“! Ich finde, das geht zu weit. Von einem Drehleiermann, der er unter anderem ist, müssen wir uns das nicht sagen lassen! Von einem Bordunisten! Da wird mir noch die passende Gelegenheit einfallen, ihm das heimzuzahlen. So weit ist es schließlich noch nicht, dass wir unsere Instrumente vor Frauen verstecken und unsere Übestunden verheimlichen, indem wir angeben, zu VHS-Kursen zu gehen. Oder immerwährend Handschuhe tragen, damit niemand die abgewetzten Kuppen unserer Greiffinger sieht. Ich kann mich nur wiederholen: Bordunist!

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Als John auf Bill traf #2

Was bisher geschah: Der jugendliche John Fahey hört Bill Monroes „Blue Yodel Number Seven“ und verfällt der Blaugras-Musik. Er muss die Platte haben und fragt einen Händler danach.

Die Platte war vergriffen. Und er hatte auch keine auf Lager.
„Sorry, Kleiner. Ich hab die Platte nicht und kann sie dir auch nicht bestellen.“
„Ich muß das Lied aber noch einmal hören. Ich muß.“
„Hör zu, Kleiner“, sagte er da zu mir, „die Platte taugt nichts. Sie ist sogar böse. Sie hat viel Unheil angerichtet, solange sie zu haben war. Frauen verließen ihre Männer. Männer verließen ihre Frauen. Kinder rissen von zu Hause aus und wurden nicht mehr gesehen. Es gab Sonnenflecken auf dem Mond. Revolutionen brachen aus. Es gab Massaker. Die Selbstmordrate und der Alkoholmißbrauch brachen alle Rekorde. Es gab Krieg. Drüben am Rand der Welt wurden Monster gesichtet. Es war fürchterlich, Kleiner, nicht auszuhalten. Könnte sein, daß es besser für dich wäre, wenn du die Platte nicht wieder hörst. Ich muß dir das so deutlich sagen. Jemand in deinem Alter sollte von so gefährlichem Zeug die Finger lassen.“
„Das ist mir schnurz. So sei es denn mein Schicksal!“
„Schicksal Fickschal! Ich habe dich gewarnt. Aber bitte: Hier ein kostenloser Tip von mir. Finde einen Schallplattensammler. So ein Schallplattensammler könnte wissen, wo du suchen mußt.“
„Kennen Sie so einen Menschen?“
„Ich treibe mich doch nicht mit solchem Gesindel herum. Aber ich weiß, daß es sie gibt. Ich werde für dich beten, Kleiner. Ich werde für dich beten.“

Aus: John Fahey, Blaugrasmusik, Suhrkamp Verlag

Als John auf Bill traf

Der berühmte US-amerikanische Gitarrist John Fahey schreibt über das erste Mal. Den Moment, in dem er sein erstes Bluegrass-Stück gehört hat, Anfang der 50er-Jahre, im Radio, als Pubertierender in einer Vorstadt von Washington D. C.:

Dann hörte ich diesen schrecklichen, verrückten Sound. Und ich spürte dieses kranke, verrückt machende Gefühl in mir drin. Nichts in mir fühlte sich mehr so an, wie ich mich sonst anfühlte. So etwas Trauriges und Niederträchtiges hatte ich noch nie gehört. Es war ein terroristischer Angriff revolutionärer Musikzellen auf mein zentrales Nervensystem mittels Ästhetik.
Das war schwärzer als die schwärzeste schwarze Musik, die ich je gehört hatte. Es streckte seine Grabscher nach mir aus, packte mich und hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Das Lied kam von Bill Monroe und den Bluegrass Boys und hieß „Blue Yodel Number Seven“. Das Zitat stammt aus dem Buch „Blaugrasmusik“, Suhrkamp-Verlag, übersetzt von Karl Bruckmaier. Weitere Zitate werden folgen.

Mein Vater war ein Beutelmann

An dieser Stelle werbe ich ja immer mal wieder gern für die Zeitschrift „Folker!“, sofern was Interessantes für Bluegrassfreunde dabei ist. Und im aktuellen Heft 3/08 gibt es davon eine Menge. Etwa den ausführlichen Artikel von Walter Fuchs über die „Infamous Stringdusters“, Michael Kleffs Beitrag zum Duo Plant/Krauss und das Porträt des Labels „Bear Family Records“, das ja nicht wenige verdienstvolle Editionen aus dem Genre Bluegrass im Katalog vorhält. Auch die Mundharmonika wird bisweilen in diesem Kontext eingesetzt und da liefert der Folker! einen ausführlichen Bericht aus der Harp-Werkstatt von C. A. Seydel Söhne in Klingenthal – Auftakt einer Reihe von Kay Reinhardt über die Instrumentenbauer im Vogtland. Im nächsten Heft stellt er die Gitarrenbauer Martin und Lederer vor (nein, nicht C. F. Martin). Und mich als alten Fan der Blödellieder von Schobert & Black interessiert natürlich auch der Artikel über Lothar Lechleiter alias Black; Schobert ist ja schon 1992 gestorben. Unvergessen ihr „Beutelgesang“ mit der Auflistung berühmter Beutellieder, wozu natürlich auch gehörte: „Mein Vater war ein Beutelmann.“
Soweit unsere Presseschau für heute. Guten Abend.