Radio heute: Herzen oder Rillen?

Die musikaffinen Hörer des Deutschlandradios unter Euch müssen sich heute Abend entscheiden: Der Deutschlandfunk sendet ab 20:10 Uhr in der Sendung Musikszene einen Beitrag von Raoul Mörchen mit dem Titel: Von der CD zur Cloud. Über das Verschwinden der Tonträger. Im Deutschlandradio Kultur läuft mehr oder weniger zeitgleich die Aufzeichnung eines Konzerts der englischen Toy Hearts aus dem Februar im Sudhaus, Tübingen. Also: rare Platten oder kurze Röcke? Viel Zeit zur Entscheidung bleibt nicht mehr. Infos zu den Toy Hearts gibt´s hier. Näheres über den Tonträger-Beitrag findet sich in der Programmvorschau des DLF.

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Steve Martin, Edie Brickell

Am 23. April veröffentlicht Rounder Records das Album Love Has Come For You, eine Kollaboration zwischen Steve Martin und Edie Brickell. Dass der Banjospieler auch als Komiker auftritt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Die Zusammenarbeit mit der Songschreiberin Edie Brickell aber bedeutet Neuland für beide. Ende der Achtziger hatte sie einen Hit mit What I Am. Danach war zumindest hierzulande wenig von ihr die Rede. Allenfalls ihre Heirat mit Paul Simon sorgte für ein paar Zeilen. Jetzt geht es aber wieder um Musik. Und obwohl das Duo Martin/Brickell auf der CD nicht nur Banjo und Stimme präsentiert, sondern auch Leute wie die Steep Canyon Rangers sowie Sara und Sean Watkins eine Rolle spielen, handelt es sich um ein echtes Zweier-Projekt. Steve hat die Musik erfunden, Edie die Texte dazu geschrieben. Was erstmal übers Internet lief, da beide an den gegenüberliegenden Küsten wohnen. Dann hat aber Produzent Peter Asher alles in Form gebracht.

Das Ergebnis klingt nicht nach einer Bluegrass-Platte, sondern bewegt sich eher zwischen Old Time und Pop. Martin spielt viel Open-Back-Banjo, sehr melodiös, sehr dezent. Er hat die Melodien für Brickell vorgegeben, sie hat drüber gesungen und die Texte geschrieben. Das klingt alles sehr schlicht und ursprünglich, was es in Wirklichkeit natürlich nicht ist. Aber die Tonalität führt auf diese Fährte. Und es verbietet sich jeder Vergleich mit dem Duo Alison Krauss/Robert Plant, bei dem ja T-Bone Burnett an den Reglern saß. Steve Martin hat einfach Sinn für schöne Linien, was bereits auf seinen vorigen Alben zu hören war. Und Edie Brickells Stimme passt perfekt dazu. Das klingt so angenehm verführerisch, dass man vergisst, dass Mandolinen hier keine Rolle spielen. Es geht offenbar auch ohne.

Lauschen im Herbst

Vielleicht gibt es jemanden, der wissen möchte, wer hinter dem Bluegrass Jamboree steckt, das derzeit durch deutsche Lande zieht? Es handelt sich um den Tübinger Musikpromoter Rainer Zellner und seine Agentur Music Contact. Im hessischen Hörfunk hat er im vergangenen Sommer über sich und seine Arbeit erzählt – der Beitrag liegt zum Nachlauschen bereit unter diesem Link. Da geht´s dann nicht nur um Bluegrass, sondern auch um die anderen Musikrichtungen, die Rainer am Zellner, äh am Herzen liegen. Radiosachen im Herbst hören: herrlich!

Noch mehr Entzücken

Cahalen Morrison & Eli West: Our Lady Of The Tall Trees (Eigenverlag)

Der Zauber geht weiter. Nachdem uns das Duo Cahalen Morrison und Eli West auf dem Bluegrass Jamboree 2011 in Verzückung versetzt hatte und das Debüt-Album The Holy Coming Of The Storm ein Gleiches per Konserve schaffte, liegt seit September die zweite Sammlung der beiden vor. Und die zwölf Songs setzen nahtlos fort, was die Vorgänger versprochen haben. Da sind sie wieder, die feinen ineinander verwobenen Linien der Instrumente, da ist auch wieder der perfekte Harmoniegesang, die faszinierende Dynamik und Atmosphäre. Gleich mit den ersten Tönen nehmen sie uns für sich ein, bestechende Riffs als unverwechselbare Erkennungszeichen, melodiös und prägnant.

Ob nun im Titelstück, wo Cahalen Morrisons feinfühliges Frailing-Banjo die Richtung vorgibt, oder seinem wunderbaren Mandolinen-Vorspiel zu A Lady Does Not Often Falter: Die Arrangements sind immer geschmackvoll. Dabei wirken die Songs trotz der in sie gegossenen Virtuosität noch einfach – im Sinne von volksliedhaft und old-timey. Bei den meisten Songs handelt es sich um Eigenkompositionen, wobei die Covers sich organisch einfügen. So gibt´s eine lässige Version von Norman Blakes Church Street Blues, und Townes van Zandts Loretta klingt federnd leicht und luftig.

Obwohl das Instrumentarium mit Banjo, Mandoline, Oktavmando und Gitarre überschaubar ist, kehrt nie Langeweile ein, lässt sich das gesamte Album mit Freude am Stück durchhören. Die beiden Musiker aus Seattle agieren so versiert, dass musikalisch immer etwas passiert, dass man schlängelnden Linien folgen kann, sich über harmonische Finessen wundert und es dann doch wieder sein lässt, um einfach zu genießen. Darrell Scotts und Tim O’Briens Album Real Time mag die Blaupause für solche Projekte sein. Aber Cahalen Morrison und Eli West setzen eigene Maßstäbe dafür, wie viel Musik zwei Menschen gemeinsam machen können.

Das Album kann unter anderem über die Website der beiden bezogen werden. Alles in Ruhe anhören – geht über die Bandcamp-Seite.

Corso für die Punsch-Brüder

In der nächsten Woche sind die Punch Brothers für drei Konzerte in Deutschland unterwegs – Anlass für den Deutschlandfunk, über die Band und ihr neues Album Who´s Feeling Young Now zu berichten. Und zwar geschehen heute, im Corso-Musikmagazin. Zwar wird Chris Thile in der Anmoderation konsequent als Theili bezeichnet, aber der Beitrag von Jörg Feyer zeichnet ein gutes Bild der Band: nachzuhören hier. Zu Wort kommen Chris und Gitarrist Chris Eldridge. Uns bleibt nur noch, auf eins der Konzerte hinzufiebern!

Zeitlose, singende Töne

Zuletzt spielte hier Chris Thile Bach, heute geht es wieder um Bach auf der Mandoline: Der in Berlin lebende, israelische Mandolinist Avi Avital interpretiert auf seiner Debüt-CD für die Deutsche Grammophon ausschließlich Werke von Johann Sebastian. Logisch, dass das Album einfach nur Bach betitelt ist. Drei Konzerte und eine Sonate hat Avi ausgewählt und für Mandoline arrangiert, allesamt Kompositionen in Moll: das Konzert in d, ursprünglich für Violine wie auch das in a; dann das für Oboe geschriebene Konzert in g und die Sonate in e, original für Flöte komponiert. Besonders in den langsamen Sätzen musste er sich was überlegen, um die lang gehaltenen Töne nicht mit ewigem Tremolo zuzukleistern: er wollte sie vor allem zum Singen bringen. Begleitet von der Kammerakademie Potsdam, gibt Avi Avitals Mandoline selbst oft gehörten Werken wie dem Konzert in A-Moll ein neues Leben. Mit dieser Aufnahme wurde für mich ein Traum wahr, sagt der Musiker, ich habe immer schon gedacht, wie schön es wäre, wenn ich mich bei meinem ersten größeren Projekt auf Bach konzentrieren könnte, schließlich spielt Bachs Musik seit jeher eine wichtige Rolle in meinem musikalischen Leben.

Für seine Laufbahn hat sich Avital ein nicht gerade bescheidenes Ziel gesetzt: Er will das Instrument und sein Repertoire einem größeren Publikum als jemals zuvor zugänglich machen. Daran arbeitet er ehrgeizig und ist immerhin der erste klassische Mandolinist, der je bei der DG unter Vertrag stand. Das Besondere von Bach auf der Mandoline für ihn? Bachs Musik ist voller Geheimnisse. Egal, wie lange man sie schon spielt, immer gibt es etwas Neues zu entdecken. Wenn man ein anderes Instrument einsetzt, kann man die Zeitlosigkeit dieser Musik auf ganz neue Weise erleben. Sätze, die sicher auch Chris Thile unterschreiben würde. Das Album Bach erscheint heute in einer Woche – am 3. August.


„Everything you never dreamt a mandolin could do“, schrieb die israelische Tageszeitung Haaretz beim Hören von Avi Avital; ein schöner Satz.

Musik in Strömen

Aus Schweden kommen nicht nur die Downtown Ramblers oder die G2 Bluegrass Band, sondern von dort stammt auch der Musikstreaming-Dienst Spotify. Ab morgen, so meldet Spiegel Online, soll der Dienst auch in Deutschland verfügbar sein. Rund 16 Millionen Musiktitel werden demnach kostenfrei und unbegrenzt zum Hören angeboten, jedenfalls das erste halbe Jahr. Danach wird das Angebot wahrscheinlich auf zehn freie Stunden pro Monat begrenzt. Das alles geschieht werbefinanziert. Wer ungestört lauschen will, muss pro Monat 4,99 zahlen; mobile Nutzer zahlen 9,99 je Monat. Das liegt auf dem Niveau des deutschen Streaming-Anbieters simfy. Der ist allerdings derzeit nur fünf Stunden im Monat kostenfrei nutzbar und auch das nur mit starken Nerven: Nach nahezu jedem Song folgt Werbung.

Was natürlich logisch ist: Solche Dienste sind ja nur bedingt Teil der Umsonst-Kultur des Internets, möchten letztlich Geld mit ihrer Dienstleistung verdienen. Kostet wahrscheinlich auch ne Menge Kohle, so etwas anzubieten – allein die Gema-Gebühren! Für Mandolinen- und Bluegrass-Fans dürfte eine Menge zu hören sein angesichts des riesigen Repertoires beider Anbieter. So lässt sich sogar die jüngste CD der deutschen Bluegrass-Band Covered Grass über simfy genießen. Die Entscheidung, von wem man sich mit Musik beströmen lassen möchte, mag jeder individuell entscheiden: simfy kommt aus Köln (Standort Deutschland), spotify bietet das angeblich umfangreichere Begleitprogramm zum Strom – etwa eine Menge ausgewählter Playlists. Warten wir´s ab.

ist auf dem Sprung nach Deutschland.