Die großartigen Tödlichen

Die vierte internationale Bluegrass Night Berkenroth am Mittwoch war groß und hatte mit den Deadly Gentlemen einen großartigen Headliner. Bilder werden wohl in Kürze auf der Galerie-Seite des Festivals zu sehen sein. Das Konzertereignis war mit rund 500 Gästen so gut besucht wie niemals zuvor und die Stimmung exzellent – was selbstverständlich auch an diesen Jungs lag.

Es leuchtet, es ohrwurmt

Dass junge Menschen Folk-Musik mögen und sie sogar cool finden, je nachdem, wer sie spielt, ist eine sehr erfreuliche Angelegenheit. Vor allem deshalb, weil es beizeiten nicht beim Konsumieren bleibt, sondern die Jugend selbst aktiv wird. Und wenn der Nachwuchs dann noch eine Mandoline in die Band integriert, freut uns das total unendlich, egal, wie verstimmt die erstmal klingen mag. Sowas bieten jedenfalls The Lumineers aus Denver/Colorado. Hier ein langer Konzertmitschnitt, der nicht von einer Gema-Sperre betroffen ist. Und The Lumineers können auch Ohrwürmer, wie das Filmchen hier zeigt – wo die Mando zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist. Und darauf kommt es ja wohl an.

Im Mehldau zu Thile wir ziehn

Man könnte Chris Thile mit malerischen Beinamen überschütten: Mandolinenvirtuose (sowieso), Wunderknabe (früher), Mando-Papst (habemus!) usw. usf. Dazu könnte auf jeden Fall noch die Bezeichnung Duo-Spezialist kommen. Mit wem hat er nicht alles in der Vergangenheit kollaboriert? Mit dem famosen Mike Marshall, avantgardistisch mit Edgar Meyer, old-timey mit Michael Daves, um nur mal die Bandbreite aufzuzeigen. Da wird jetzt in Kürze eine weitere Färbung neu aufgefrischt: Im April spielt Thile in den USA eine Reihe von Duo-Konzerten mit dem Jazzpianisten Brad Mehldau. Angekündigt ist ein Programm aus Klassik-Transkriptionen, Coverversionen von Pop-Songs und Eigenkompositionen. Da können wir in Europa nur hoffen, über Youtube was davon mitzukriegen. Hier ein Ausschnitt eines gemeinsamen Konzerts der beiden von 2011.

Wo liegt denn dieses Toogaroo?

Sie waren in Nashville und Los Angeles (liegt beides in den USA), sie waren in der Schweiz und in Nordirland und bestimmt auch noch in Bayern, aber nun muss das Ausland mal ohne sie auskommen: die rheinische Bluegrass-Band Covered Grass. Denn nicht sonstwo, nein, in der Heimat wird das neue Album präsentiert – es ist wohl das fünfte, aber wer will bei diesem produktiven Output noch mitzählen? Der Titel: Toogaroo, mit 13 Tracks an Bord, allesamt Eigenkompositionen. Aus diesem Anlass steigt am Freitag, dem 22. März, eine Release-Party in Engelskirchen unweit von Köln, und zwar im Ratssaal des dortigen Rathauses – übrigens früher ein Fabrikgebäude der Baumwollspinnerei Ermen & Engels, Engels, na, macht´s da klick bei Euch, Ihr Altkommunisten? So, das alles startet um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 9 Euro, die zudem beim Kauf der CD angerechnet werden. Eine Vorgruppe steht auch auf dem Programm: das Akustik-Duo Gentile. Was ja Italienisch ist und freundlich heißt, wenn ich richtig informiert bin. Also seid freundlich und besucht die Release-Party, bevor sie wieder in die weite Welt abhauen, wer weiß, ob sie von dort jemals wiederkehren werden. Weitere Details auf der Website von Covered Grass.

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Im Urwald Mando lernen

Im südlichen Friesland, wo die gute Butter noch auf Bäumen wächst und Rinder von Pferden unterscheidbar sind, dort gedeiht auch ein Instrument der norddeutschen Steppe aufs Trefflichste: die Mandoline. Zwar traut man sich dort noch nicht, ein Festival nach ihr zu benennen. Doch in Wahrheit sind die regelmäßig wiederkehrenden Neuenburger Gitarrentage ein Hochamt für die Mando. Der beste Beweis: Wenn in diesem Jahr zwischen dem 16. und 20. Oktober die Gemeinde Zetel im Fokus der musizierenden Öffentlichkeit steht, werden zwei Giganten der Mandoline für Konzerte und Workshops bereitstehen: Caterina Lichtenberg und Mike Marshall. Und wer zusätzlich noch Geige spielt, findet mit Darol Anger einen ebenfalls hochkarätigen Lehrer im Line-up des Festes. Man hole sich ruhig einmal nähere Auskünfte! Nur ein Satz in der Einladung macht misstrauisch, nämlich der hier: Der Kurs findet im „Vereenshuus“ am Neuenburger Urwald statt. Urwald? In diesen Breitengraden? Ach wer weiß, vielleicht lernt man zusätzlich noch das Saitenflechten aus Lianen.


Dann fangt schonmal an – das klappt bis Oktober!

Ein guter Tag für Bluegrass

Nerven hat er gelassen und das Festival Federn. Doch auch wenn ein Tag gestrichen wurde und Festivalmacher Walter Fuchs sich gegen zeitweilige Verzweiflung wehren musste: Das Line-up des elften Bühler Bluegrass-Festivals kann sich sehen lassen. Am Samstag, 4. Mai, werden vier Bands morgens, nachmittags und abends der Stadt ihren Stempel aufdrücken. Den Höhepunkt bildet das Festival-Finale ab 19:30 Uhr im Bürgerhaus Neuer Markt mit Chris Jones & The Night Drivers, The Deadly Gentlemen und The Roys and Band. Zusätzlich ist am Morgen und Nachmittag die Band Monroe Crossing in Aktion.

Das Tagesticket kostet 35 Euro im Vorverkauf und 39 an der Abendkasse. Alle Informationen zum Festival gibt´s auf der Website

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Die Roys im Film – ohne Siegfrieds!

Lisa zupft

In diese stille Vorweihnachtszeit passt wunderbar die Musik von Lisa Hannigan, der irischen Sängerin und Songschreiberin, die jahrelang an der Seite von Damien Rice gesungen hat. Längst ist sie solo unterwegs, hat im Vorprogramm von Jason Mraz und Glen Hansard gespielt. Ihre intensiven Songs bestreitet sie mit verschiedenen Instrumenten: Gitarre, Ukulele und – wie hier zu Beginn – Mandoline. Und sieh an: Sie spielt ihre Fylde mit den Fingern. Ach, die gute Folkmusik.

Hingehen und staunen

Die Instrumente sind aus Holz, und sie sind heilig, sagt Chris Thile, spricht´s und lässt seine Loar ausgestöpselt. Wie auch alle anderen Punch Brothers unverkabelt nach vorn an den Bühnenrand kommen und mit der Bemerkung Let´s try it ihre Zugaben komplett unverstärkt am Montagabend in den ranzigen Kölner MTC-Club hineinspielen. Die Decke niedrig, die Bühne entsprechend, stehen sie direkt vor einem und geben Whiskey Before Breakfast und Moonshiner, und in dem Club, in dem sonst fast nur Bösejungsmittattoos-Bands zu spielen scheinen, herrscht absolute Stille. Versuch geglückt. Menschen beglückt. Es gibt Chris Thile wirklich, und er spielt auch tatsächlich so, wie´s sich auf Konserven anhört. Und das gilt natürlich für alle anderen Mitglieder der Band auch: Gabe Witcher an der Fiddle, Noam Pikelny am Banjo, Chris Eldridge an der Gitarre und Paul Kowert am Bass – eine unglaubliche Ansammlung von Virtuosität gepaart mit musikalischem Geschmack.

Sie zeigen an diesem Abend in dem Rockschuppen ihr gesamtes Können, von traditionellem Bluegrass bis hin zu völlig frei scheinenden lärmenden Improvisationen, dass man meint, gleich müsste Peter Brötzmann aus einer Ecke gesprungen kommen und das atonale Seinige beitragen. Stattdessen mündet die Klangorgie in Wayside vom How To Grow A Woman-Album, von dem noch manches im Programm ist, etwa die Jodel-Nummer Brakeman´s Blues von Jimmie Rodgers. In vorderster Linie stehen aber die Songs der beiden jüngsten Punch-Brothers-Veröffentlichungen, etwa This Girl von Who´s Feeling Young Now. Da taucht dann der Eindruck auf, sich auf einem Konzert einer Popband zu befinden – denn This Girl findet wie Wayside jede Menge mitsingende Menschen, darunter eine Reihe junger Mädchen, die mit Bluegrass garantiert nix am Hut haben.

Kommen sie wegen Chris Thile, dem charmanten Conferencier des Abends? Oder wegen Noam Pikelnys tiefer Onkelstimme? Oder wollen sie einfach nur großartige Musik hören? Chris Thile wirkt manchmal bewegungstechnisch wie ein Joe Cocker mit Mando, windet sich beim Solieren, zuckt, ruckt, schwankt und schwenkt zu einem Mitmusiker, begibt sich mit ihm in musikalische Zwiesprache und dann zurück ans Mikro – an dem er sich ebenfalls nicht die Spur einer Blöße gibt. Am Ende steht selige Verzückung, die Erkenntnis, dass es sich sie wirklich real gibt, diese fünf Menschen, die trotzdem von einem anderen Stern zu kommen scheinen. Hamburger, Berliner: Noch habt Ihr die Chance, die Punch Brothers zu sehen. Geht hin und staunt.


Zwiegespräch: Chrisses unter sich (Foto: Felix Eichert)

Plainsong samt „Banjo“

Als Ende der 1960er-Jahre in England die Folkrock-Szene erblühte, da waren sie fast alle schon mit dabei, die Musiker von Plainsong. Gestern abend spielte die legendäre Band um Iain Matthews und Andy Roberts im Kulturhaus Lüdenscheid ein Konzert ihrer Abschiedstournee. Dabei gab es auch ein paar Songs, zu denen Roberts Mandoline oder Bouzouki spielte – leider eingestöpselt, was den Klang der Instrumente nicht verschönert hat; aber das kennt man ja mittlerweile. Sei´s drum: Die Band mit Mark Griffiths am Bass und dem jungen Mann Julian Dawson (g, harm, voc) spielte klassisch-gelassen ihre Songs zwischen englischer Folktradition und US-amerikanischen Einflüssen aus Country & Western plus Gospel plus Westcoast, mit perfektem drei- bis vierstimmigem Harmoniegesang.

Was am Rande zu bemerken war: In der Pause widmete sich Andy Roberts dem Stimmen seiner Instrumente. Als er Töne auf der Mando anschlug, bemerkte der Begleiter einer Dame, die mit dem Rücken zur Bühne stand: Oh, ein Klavier! Darauf drehte sich die Dame herum, sah Roberts mit der Mandoline und sagte: Ach, ein Banjo! So viel zum Allgemeinwissen der Leutchen, was Musikinstrumente angeht. Andererseits allerdings lässt diese Anekdote erkennen, dass die Folkpack-Reihe im Lüdenscheider Kulturhaus längst nicht nur Experten und eingefleischte Fans anlockt. Und dass ist dann im Zweifel auf jeden Fall das Wichtigere. Im November wird übrigens Julie Fowlis erneut dort auftreten – am 24.; einen Monat vor Weihnachten. Ts. Bald ist es wieder soweit.


Andy Roberts: war mal Tourgitarrist von Pink Floyd

Bühlgrass: von zwei auf eins

Im Norden haben wir immer gedacht: Die Gemeinden im Süden, die sind irgendwie reicher als unsere. Offenbar aber fehlt auch dort das Geld, das – so der Eindruck – weltweit in Milliardenstapeln hin- und hergeschoben wird. In Bühl ist aber keine Milliardenüberweisung gelandet, und das wird jetzt einem der renommiertesten europäischen Bluegrass-Ereignisse zum Nachteil, dem Internationalen Bühler Bluegrass Festival. Es wird 2013 nicht mehr an zwei Tagen, sondern nur noch am Samstag, 4. Mai, stattfinden. Das dürfte in Bluegrass-Kreisen zu langen Gesichtern führen, und Festival-Mastermind Walter Fuchs war alles andere als amüsiert über diese Entscheidung der Stadt, die das Ereignis zuletzt mit einer Summe von 22.000 Euro bezuschusst hat. Dabei hätte womöglich ein Teil des Defizits durch höhere Eintrittspreise aufgefangen werden können. Ein Zurück scheint es aber nicht zu geben, die Würfel sind gefallen – das Festival kehrt gezwungenermaßen zu seinem ursprünglichen Format des eintägigen Konzertmarathons zurück.

Nun wird Schrumpfen hierzulande oft per se als negativ empfunden, wo doch immer noch viele dem Wachstum huldigen. In diesem Falle hat Walter Fuchs jedenfalls vor, am verbliebenen Festivaltag geballte Qualität zu bieten, von 14 Uhr bis Mitternacht: mit vier US-Bands aus der oberen Liga. Eine steht bereits fest – Monroe Crossing werden nach Bühl kommen. Auch die weiteren Namen sind bekannt, die Verträge allerdings noch nicht unterzeichnet. Wenn das endgültige Line-up steht, werden wir´s weitergeben.

Walter Fuchs hofft nun, dass durch die Reduzierung das Festival keinen allzu großen Image-Verlust erleidet: Der Vertrauensvorschuss in dieses Festival war von Seiten des Publikums riesengroß. Ein großer Teil unserer Besucher hatte ja am Ende des Festivals ihr Hotelzimmer oder ihre Ferienwohnung schon wieder für das kommende Jahr reserviert. Qualitativ soll es keinen Einbruch geben, denn dies könnte ich nicht mittragen, schreibt er. Die Gefahr, dass der Initiator des Festivals die Segel streicht, scheint noch nicht ganz gebannt – je nachdem, wie die Reaktionen auf die Streichung des zweiten Tages ausfallen, könnte er doch noch den Hut nehmen wollen. Was uns allen nicht gefallen dürfte. Der Freitag weg, dafür knallt’s am Samstag, fasst Walter Fuchs die Lage zusammen. Ein kleineres, aber immer noch feines Bluegrass-Festival in Bühl ist jedenfalls tausendmal besser als gar keins. Und Bühl blieben nur die Pflaumen.

Es gibt wieder Punsch!

Ach, wie schwer fällt es doch bei grellem Sonnenschein, über Punsch zu schreiben. Und doch muss es sein! Denn es kündigen sich die Brüder des Punsches an, erneut die alte Welt zu bereisen und hier und da zu musizieren! Kaum also sind die New Yorker Punch Brothers kurz im Lande gewesen, schon heißt es: Da sind sie wieder! Und zwar zu einer umfangreichen Tour durch europäische Länder, die am 22. Oktober in Köln beginnt und am 18. November in Antwerpen endet. Dazwischen liegen außer Terminen in Berlin und Hamburg etliche Dates im Vereinigten Königreich und in Benelux – die vollständige Übersicht findet sich hier. Es scheint also tatsächlich Wirklichkeit zu werden, den großartigen Chris Thile und seine ebenso fabelhaften Mitmusiker einmal persönlich auf einer Bühne erleben zu können – in Köln für 23,50 Euro -, und in diesem Preis sind sogar noch die überhaupt nicht zu verachtenden Carolina Chocolate Drops enthalten, die den Support bestreiten. Ja wo sind wir denn? Und mittendrin in der Punch-Tour dann noch am 27. Oktober Blue Highway in Oldenburg? Sage nochmal jemand, Mai wäre der Bluegrass-Monat. Es wartet ein goldener Herbst – zumindest im nördlichen Teil Deutschlands!

Bachgrass in Telluride

Es scheint, als ob bald ein neues Genre benannt werden muss – der Stil Bachgrass! Jedenfalls nahmen sich die Punch Brothers unter Verstärkung von Rob Moose das Dritte Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach vor. Wenn das Bill Monroe wüsste! Doch das Festival in Telluride, von dem die Aufnahme stammt, ist ja eh bekannt für seine Grenzüberschreitungen. Die frische Bergluft!

 

Blue Highway im Norden

Einmal im Jahr ein großes Konzert – aber in der Regel nicht mit irgendwem, der gerade sowieso in Deutschland unterwegs ist. Auf diese Weise füllt Klaus Grotelüschen das Staatstheater in Oldenburg mit schöner Regelmäßigkeit. Jetzt steht die Top-Band für dieses Jahr fest: Am 27. Oktober werden Blue Highway auf der Bühne in Norddeutschland stehen. Da dürften sich sämtliche Freunde jedweder Instrumentengattung freuen, sind Blue Highway doch auf jeder Position sehr gut besetzt – nehmen wir nur mal Rob Ickes an der Dobro. Aber auch unser Mann an der Mandoline, Shawn Lane, hat einiges zu bieten. Außerdem pusten einen die fünf ja mit ihrem a capellarischen Satzgesang weg. Alles Weitere dann wohl bald auf der Site des Staatstheaters. Mit ein bisschen Glück gibt es ja vielleicht auch noch andere Konzerte der Band im Umfeld des 27.10. hierzulande. Veranstalter, bitte vortreten!

Pop goes Punch

Jetzt befindet sich Chris Thiles Band Punch Brothers auf dem Weg in den Mainstream der öffentlichen Wahrnehmung – in Deutschland, wohlgemerkt! Bereits Anfang Juli hatte Arne Willander, Cheffleischklops des deutschen Rolling Stone, das neue Album Who´s Feeling Young Now der noch viel zu unbeachteten Band in seine per Video verbreiteten Wochentipps aufgenommen, gemeinsam mit Wolf Maahn und Mink DeVille. Heute dann taucht die CD als eine der wichtigsten Veröffentlichungen der Woche auf Spiegel Online auf – in Gesellschaft der Smashing Pumpkins und von Purity Ring. Es scheint so, als ob ausgerechnet die avantgardistische Speerspitze aus dem Bluegrass-Lager hierzulande die Türen öffnen könnte für Rockmusikhörer, zumindest einen Spalt weit. In diesen Organen Erwähnung zu finden bedeutet auf jeden Fall einen Schritt nach vorn in Sachen Wahrnehmung, ganz ohne Cowboyhüte und Westerngeschwafel. Who´s Feeling Young Now erscheint in Deutschland offiziell an diesem Freitag.


Chris Thile spielt Bach – und im Hamburger Knust herrscht absolute Stille.