Punkige Schäfchenhüter

Wenn eine Band Die schlechten Hirten heißt, was haben wir zu erwarten? In diesem Fall ein Wiederaufleben der Klassiker des Punk und New Wave in neuem Gewand: nämlich in Folk-Kleidchen. Ob London Calling, No More Heroes oder Whole Wide World – das Quartett aus London trägt sie bei Folk-Festivals vor, mit Achtseitigem wie Mandoline, Bouzouki oder Oktavmandoline, mit Gitarre, Fiddle und Uillean Pipes. Und in diesem Jahr haben sich Bandkopf Adrian Edmondson und Piper Troy Donockley um Bass und Schlagzeug verstärkt. Auf unserem Videoschnipsel spielt aber noch die alte Trio-Besetzung der Bad Shepherds, und zwar Rise von Public Image Limited.

Edmondson hat sich von Roger Bucknall von Fylde Guitars für eine Australien-Tour etwas bauen lassen, das er auf dem Foto hier präsentiert: eine Kombi aus Mando und Oktavmando, in der Hoffnung Reisegepäck zu sparen. Sein Kumpel Troy reagierte offenbar neidisch und fragte bei Bucknall an, ob er auch Uillean Pipes, Bouzouki und Whistle in einem Instrument vereinen könne. Wir warten ab. Hier die ganze Geschichte.

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Ade Edmondson und sein doppeltes Lottchen

Subversives Treiben

Im grade erschienenen Folker findet sich ein Text zum Thema Countrymusik und Homosexualität. Dazu wäre zweierlei zu sagen: Einmal ist es überhaupt nicht schön, sich mit seiner Persönlichkeit ständig verstecken und verleugnen zu müssen, um im Geschäft zu bleiben. Andererseits: Mir gefällt der Gedanke, dass sich konservative Säcke in den USA an schwulen und lesbischen Künstlern laben, ohne es zu ahnen. Hat was Subversives. Und die Künstler müssten sich dann alle am gleichen Tag zur gleichen Zeit outen – ob die Rednecks dann endlich in der Psychiatrie landen?

Wenn sich Cars und Punch vertragen

Die eher wave-ig orientierte US-Band The Cars hatte eine Reihe von Hits, vor allem in den Achtzigern: Drive oder You Might Think zum Beispiel, um mal zwei zu nennen. Auf ihrem Debüt-Album von 1978 steckte das ebenfalls bekannte Just What I Needed. Dem haben sich jetzt die Punch Brothers um Chris Thile angenommen – im Rahmen einer Reihe des Online-Kulturmagazins A.V. Club namens A.V. Undercover. Redakteure haben eine Liste mit Songs geschrieben. Ausgewählte Musiker dürfen sich ein Lied von der Liste aussuchen, um es zu covern. Das hat schon zu bemerkenswerten neuen Versionen bekannter und weniger bekannter Stücke geführt. Der dafür zur Verfügung stehende Aufnahmeraum ist rund, eng und von ziemlich trockener Akustik. Will sagen: Es fehlt jeder Gnadenhall, schiefe Töne werden sofort bestraft. Aber wer will danach fahnden? Jetzt waren also auch die Gebrüder Punsch an der Reihe. Und ihre Version von Just What I Needed gibt´s hier unten. Die Bostoner Songschreiberin Kris Delmhorst hat 2011 übrigens ein Album ausschließlich mit Coverversionen von Cars-Songs vorgelegt, das sinnigerweise einfach Cars hieß, da war Just What I Needed auch dabei. Wer also vergleichen möchte: bitte!

Da fällt das Atmen leicht

Der Juli verspricht schonmal schön zu werden, jedenfalls was CD-Neuheiten angeht. Dann erscheint nämlich nicht nur das neue Album der Deadly Gentlemen, sondern auch das Debüt von Laura-Beth Salter namens Breathe. Die junge Songschreiberin und Mandolinistin kommt aus Glasgow, Schottland, und fiel bislang durch ihr Mitwirken in der nur aus Frauen bestehenden Folkband The Shee auf. Der vorab veröffentlichte Track Carry Me entwickelt sich verflixt groovy und lässt die Erwartungen an die Solo-Veröffentlichung steigen. Das Stück liegt im Bandcamp zum Vorhören bereit. Und auf der Website von BBC Radio Scotland gibt es ein schönes Video von ihr im Duett mit Gitarristin Jenn Butterworth. Was Laura-Beth Salter mit The Shee angestellt hat, zeigen die bewegten und mit Ton versehenen Bilder hier unten.

Altes Liedgut zündet

Und nun zu etwas völlig Anderem. Von 1964 bis 2010 ist der Belgier Hubert Boone durchs Flamenland gezogen und hat wie weiland Alan Lomax Melodien gesammelt – alte Volksmusik der Region um Brabant, Tänze, Balladen. Und nun kommt sein Sohn Andries daher, schart noch drei weitere Mandolinenspieler um sich, nennt das ganze Projekt mandolinman und entstaubt die Lieder der Vorfahren. Um sie nun im Mandolinenquartett frisch und neu zu präsentieren. Erstaunlich, welche Vielfalt dabei zu Tage tritt. Manches könnte aus Schottland stammen, Anderes aus den Appalachen. Tut´s aber nicht. Kommt alles aus flachen Landen. Welche Mandolinen, Mandolas und Mandocelli auf der ersten CD Old Tunes, Dusted Down gespielt werden, verrät das Cover. Und ein wenig mehr über die Band und das Projekt erzählt die Homepage.

Die großartigen Tödlichen

Die vierte internationale Bluegrass Night Berkenroth am Mittwoch war groß und hatte mit den Deadly Gentlemen einen großartigen Headliner. Bilder werden wohl in Kürze auf der Galerie-Seite des Festivals zu sehen sein. Das Konzertereignis war mit rund 500 Gästen so gut besucht wie niemals zuvor und die Stimmung exzellent – was selbstverständlich auch an diesen Jungs lag.

Ganz ohne geht doch nicht

Es war kürzlich eine freche Behauptung, es könne auch ohne Mandoline gehen. Jetzt liegt allerdings der filmische Beweis vor: Selbst Steve Martin und Edie Brickell können nicht ohne Mike Guggino und seine Mando. Die wird zwar sehr dezent eingesetzt bei When You Get To Asheville, aber sie ist da! Und damit wären die Steep Canyon Rangers auch komplett. Bitteschön, live im Bild.

Steve Martin, Edie Brickell

Am 23. April veröffentlicht Rounder Records das Album Love Has Come For You, eine Kollaboration zwischen Steve Martin und Edie Brickell. Dass der Banjospieler auch als Komiker auftritt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Die Zusammenarbeit mit der Songschreiberin Edie Brickell aber bedeutet Neuland für beide. Ende der Achtziger hatte sie einen Hit mit What I Am. Danach war zumindest hierzulande wenig von ihr die Rede. Allenfalls ihre Heirat mit Paul Simon sorgte für ein paar Zeilen. Jetzt geht es aber wieder um Musik. Und obwohl das Duo Martin/Brickell auf der CD nicht nur Banjo und Stimme präsentiert, sondern auch Leute wie die Steep Canyon Rangers sowie Sara und Sean Watkins eine Rolle spielen, handelt es sich um ein echtes Zweier-Projekt. Steve hat die Musik erfunden, Edie die Texte dazu geschrieben. Was erstmal übers Internet lief, da beide an den gegenüberliegenden Küsten wohnen. Dann hat aber Produzent Peter Asher alles in Form gebracht.

Das Ergebnis klingt nicht nach einer Bluegrass-Platte, sondern bewegt sich eher zwischen Old Time und Pop. Martin spielt viel Open-Back-Banjo, sehr melodiös, sehr dezent. Er hat die Melodien für Brickell vorgegeben, sie hat drüber gesungen und die Texte geschrieben. Das klingt alles sehr schlicht und ursprünglich, was es in Wirklichkeit natürlich nicht ist. Aber die Tonalität führt auf diese Fährte. Und es verbietet sich jeder Vergleich mit dem Duo Alison Krauss/Robert Plant, bei dem ja T-Bone Burnett an den Reglern saß. Steve Martin hat einfach Sinn für schöne Linien, was bereits auf seinen vorigen Alben zu hören war. Und Edie Brickells Stimme passt perfekt dazu. Das klingt so angenehm verführerisch, dass man vergisst, dass Mandolinen hier keine Rolle spielen. Es geht offenbar auch ohne.

Es leuchtet, es ohrwurmt

Dass junge Menschen Folk-Musik mögen und sie sogar cool finden, je nachdem, wer sie spielt, ist eine sehr erfreuliche Angelegenheit. Vor allem deshalb, weil es beizeiten nicht beim Konsumieren bleibt, sondern die Jugend selbst aktiv wird. Und wenn der Nachwuchs dann noch eine Mandoline in die Band integriert, freut uns das total unendlich, egal, wie verstimmt die erstmal klingen mag. Sowas bieten jedenfalls The Lumineers aus Denver/Colorado. Hier ein langer Konzertmitschnitt, der nicht von einer Gema-Sperre betroffen ist. Und The Lumineers können auch Ohrwürmer, wie das Filmchen hier zeigt – wo die Mando zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist. Und darauf kommt es ja wohl an.

John Smith John Smith im Wasser

Wie klingt eine Gitarre, während sie in einen Fluss getunkt wird und ihr Spieler ebenso bis zum Bauch im Wasser steht? Antwort gibt dieses Video. Der englische Folkmusiker John Smith wirbt so für sein neues Album, das am 25. März erscheinen wird. Weil es uns aber zu weh tut, dieses Video hier zu zeigen und eine Gitarre außerdem keine acht Saiten hat, folgt nun John Smith mit It´s Not Over Yet, gespielt auf einer OM, wie´s aussieht. Hübsche Episode am Rande: Wenn jemand John Smith heißt, von denen es Tausende auf unserem schönen Globus geben dürfte, muss er sich als Domain was einfallen lassen. Unser John Smith hat diese Lösung gewählt: johnsmithjohnsmith.com. Damit auch ja jeder den Namen behält! Hat übrigens auch schon mal den Opener für Chris Thile gegeben. So, jetzt aber Musik!

Im Mehldau zu Thile wir ziehn

Man könnte Chris Thile mit malerischen Beinamen überschütten: Mandolinenvirtuose (sowieso), Wunderknabe (früher), Mando-Papst (habemus!) usw. usf. Dazu könnte auf jeden Fall noch die Bezeichnung Duo-Spezialist kommen. Mit wem hat er nicht alles in der Vergangenheit kollaboriert? Mit dem famosen Mike Marshall, avantgardistisch mit Edgar Meyer, old-timey mit Michael Daves, um nur mal die Bandbreite aufzuzeigen. Da wird jetzt in Kürze eine weitere Färbung neu aufgefrischt: Im April spielt Thile in den USA eine Reihe von Duo-Konzerten mit dem Jazzpianisten Brad Mehldau. Angekündigt ist ein Programm aus Klassik-Transkriptionen, Coverversionen von Pop-Songs und Eigenkompositionen. Da können wir in Europa nur hoffen, über Youtube was davon mitzukriegen. Hier ein Ausschnitt eines gemeinsamen Konzerts der beiden von 2011.

Wo liegt denn dieses Toogaroo?

Sie waren in Nashville und Los Angeles (liegt beides in den USA), sie waren in der Schweiz und in Nordirland und bestimmt auch noch in Bayern, aber nun muss das Ausland mal ohne sie auskommen: die rheinische Bluegrass-Band Covered Grass. Denn nicht sonstwo, nein, in der Heimat wird das neue Album präsentiert – es ist wohl das fünfte, aber wer will bei diesem produktiven Output noch mitzählen? Der Titel: Toogaroo, mit 13 Tracks an Bord, allesamt Eigenkompositionen. Aus diesem Anlass steigt am Freitag, dem 22. März, eine Release-Party in Engelskirchen unweit von Köln, und zwar im Ratssaal des dortigen Rathauses – übrigens früher ein Fabrikgebäude der Baumwollspinnerei Ermen & Engels, Engels, na, macht´s da klick bei Euch, Ihr Altkommunisten? So, das alles startet um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 9 Euro, die zudem beim Kauf der CD angerechnet werden. Eine Vorgruppe steht auch auf dem Programm: das Akustik-Duo Gentile. Was ja Italienisch ist und freundlich heißt, wenn ich richtig informiert bin. Also seid freundlich und besucht die Release-Party, bevor sie wieder in die weite Welt abhauen, wer weiß, ob sie von dort jemals wiederkehren werden. Weitere Details auf der Website von Covered Grass.

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Lisa zupft

In diese stille Vorweihnachtszeit passt wunderbar die Musik von Lisa Hannigan, der irischen Sängerin und Songschreiberin, die jahrelang an der Seite von Damien Rice gesungen hat. Längst ist sie solo unterwegs, hat im Vorprogramm von Jason Mraz und Glen Hansard gespielt. Ihre intensiven Songs bestreitet sie mit verschiedenen Instrumenten: Gitarre, Ukulele und – wie hier zu Beginn – Mandoline. Und sieh an: Sie spielt ihre Fylde mit den Fingern. Ach, die gute Folkmusik.