Blue Highway im Norden

Einmal im Jahr ein großes Konzert – aber in der Regel nicht mit irgendwem, der gerade sowieso in Deutschland unterwegs ist. Auf diese Weise füllt Klaus Grotelüschen das Staatstheater in Oldenburg mit schöner Regelmäßigkeit. Jetzt steht die Top-Band für dieses Jahr fest: Am 27. Oktober werden Blue Highway auf der Bühne in Norddeutschland stehen. Da dürften sich sämtliche Freunde jedweder Instrumentengattung freuen, sind Blue Highway doch auf jeder Position sehr gut besetzt – nehmen wir nur mal Rob Ickes an der Dobro. Aber auch unser Mann an der Mandoline, Shawn Lane, hat einiges zu bieten. Außerdem pusten einen die fünf ja mit ihrem a capellarischen Satzgesang weg. Alles Weitere dann wohl bald auf der Site des Staatstheaters. Mit ein bisschen Glück gibt es ja vielleicht auch noch andere Konzerte der Band im Umfeld des 27.10. hierzulande. Veranstalter, bitte vortreten!

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Zeitlose, singende Töne

Zuletzt spielte hier Chris Thile Bach, heute geht es wieder um Bach auf der Mandoline: Der in Berlin lebende, israelische Mandolinist Avi Avital interpretiert auf seiner Debüt-CD für die Deutsche Grammophon ausschließlich Werke von Johann Sebastian. Logisch, dass das Album einfach nur Bach betitelt ist. Drei Konzerte und eine Sonate hat Avi ausgewählt und für Mandoline arrangiert, allesamt Kompositionen in Moll: das Konzert in d, ursprünglich für Violine wie auch das in a; dann das für Oboe geschriebene Konzert in g und die Sonate in e, original für Flöte komponiert. Besonders in den langsamen Sätzen musste er sich was überlegen, um die lang gehaltenen Töne nicht mit ewigem Tremolo zuzukleistern: er wollte sie vor allem zum Singen bringen. Begleitet von der Kammerakademie Potsdam, gibt Avi Avitals Mandoline selbst oft gehörten Werken wie dem Konzert in A-Moll ein neues Leben. Mit dieser Aufnahme wurde für mich ein Traum wahr, sagt der Musiker, ich habe immer schon gedacht, wie schön es wäre, wenn ich mich bei meinem ersten größeren Projekt auf Bach konzentrieren könnte, schließlich spielt Bachs Musik seit jeher eine wichtige Rolle in meinem musikalischen Leben.

Für seine Laufbahn hat sich Avital ein nicht gerade bescheidenes Ziel gesetzt: Er will das Instrument und sein Repertoire einem größeren Publikum als jemals zuvor zugänglich machen. Daran arbeitet er ehrgeizig und ist immerhin der erste klassische Mandolinist, der je bei der DG unter Vertrag stand. Das Besondere von Bach auf der Mandoline für ihn? Bachs Musik ist voller Geheimnisse. Egal, wie lange man sie schon spielt, immer gibt es etwas Neues zu entdecken. Wenn man ein anderes Instrument einsetzt, kann man die Zeitlosigkeit dieser Musik auf ganz neue Weise erleben. Sätze, die sicher auch Chris Thile unterschreiben würde. Das Album Bach erscheint heute in einer Woche – am 3. August.


„Everything you never dreamt a mandolin could do“, schrieb die israelische Tageszeitung Haaretz beim Hören von Avi Avital; ein schöner Satz.

Pop goes Punch

Jetzt befindet sich Chris Thiles Band Punch Brothers auf dem Weg in den Mainstream der öffentlichen Wahrnehmung – in Deutschland, wohlgemerkt! Bereits Anfang Juli hatte Arne Willander, Cheffleischklops des deutschen Rolling Stone, das neue Album Who´s Feeling Young Now der noch viel zu unbeachteten Band in seine per Video verbreiteten Wochentipps aufgenommen, gemeinsam mit Wolf Maahn und Mink DeVille. Heute dann taucht die CD als eine der wichtigsten Veröffentlichungen der Woche auf Spiegel Online auf – in Gesellschaft der Smashing Pumpkins und von Purity Ring. Es scheint so, als ob ausgerechnet die avantgardistische Speerspitze aus dem Bluegrass-Lager hierzulande die Türen öffnen könnte für Rockmusikhörer, zumindest einen Spalt weit. In diesen Organen Erwähnung zu finden bedeutet auf jeden Fall einen Schritt nach vorn in Sachen Wahrnehmung, ganz ohne Cowboyhüte und Westerngeschwafel. Who´s Feeling Young Now erscheint in Deutschland offiziell an diesem Freitag.


Chris Thile spielt Bach – und im Hamburger Knust herrscht absolute Stille.

Annett auf der Tonspur

Immer wieder mit Mandoline in der Instrumentierung ihrer Songs unterwegs und in Songs wie Drück die 1 auch mit Dobro und Banjo (in der Studioversion), sorgt Annett Louisan für Farbe in der deutschen Klanglandschaft. Morgen abend um 22.50 Uhr ist sie Gast in der Sendung Tonspur – Der Soundtrack meines Lebens auf 3Sat und gibt den Profilern mit ihrer munteren Musikauswahl zwischen Roxy Music, Joni Mitchell und Trio einige Rätsel auf. Gelegenheit, nochmal auf dieses schöne Konzept der Tonspur hinzuweisen. Bin gespannt auf die Liste von Udo Jürgens, der am 28. Juli dran ist.

Schöne Welt trotz Wetter

Wochenende, zurücklehnen, einen kühlen Alkohol Spritz hinter die Binde, dann voll bedient in ein Freibad einbrechen, vor dem Hausmeister fliehen, Sangria im Park, und später, wenn es dunkel ist, nach Hause (Achtung, verstecktes Zitat!). Aber halt! Wir haben ja gar keinen Sommer! What a wonderful world, sang der alte Mann mit dem Schweißtuch und der Trompete. Und ja, trotz der Temperaturen: Was hatten wir in letzter Zeit für verrückte Farben im Himmel, was für Wolkengebilde! Das mag die Sonnenanbeter nicht trösten. Vielleicht tröstet sie eine jazzige und leicht dekonstruierte Fassung des Klassikers aus den Instrumenten der beiden Meister-Mandolinisten Jacob Jolliff (von Joy Kills Sorrow) und Jason Anick?

Lob der Familie

Familie kann etwas Herrliches sein – besonders, wenn sich alle gut verstehen. Und noch mehr besonders, wenn zusammen musiziert wird. Und geradezu verrückt wird man dann, wenn sich das auch noch auf hohem Niveau abspielt. Die Familie Watkins ist so ein Fall. Da gibt es den begabten Sohn Sean und die begabte Tochter Sara, ihres Zeichens zwei Drittel von Nickel Creek. Fehlt nur noch Chris Thile als Cousin, nein, eher Bruder im Geiste. Die Band wurde zwar nie aufgelöst, existiert aber auch nicht wirklich. Die Musiker kommen trotzdem immer wieder zusammen. Das nicht nur zu dritt, sondern gemeinsam mit vielen anderen Musikern, und zwar im Club Largo in Los Angeles. Dort gibt´s The Watkins Family Hour, ein fröhliches Zusammenkommen der Geschwister mit Leuten wie Jackson Browne, Grant Lee Phillips, Fiona Apple. Das Erfreuliche für uns: Die Konzerte werden mitgeschnitten und stehen als Podcasts zum Runterladen bereit, auf den Seiten von Sean und Sara.

Der Humor bekommt dabei auch seinen Raum: Grant Lee Phillips ist es, der im Podcast #1 die Szenerie einer armen Familie aus den Appalachen aufscheinen lässt, in der alle Musik machen und sich in ihrer ärmlichen Hütte um das 100.000 Dollar teure Röhrenmikrofon versammeln. Da gibt´s so einige lustige Seitenhiebe auf überholte Bluegrass-Konventionen. Selten war legales Downloaden schöner.